Ohne schlechtes Gewissen zurück in den Beruf! Wie Familie und Beruf vereinbar sind

Geht das überhaupt: Kind und Arbeit? Erstmals in Deutschland sind heute in mehr als der Hälfte der Familien beide Elternteile berufstätig. Mehr als unter der Doppelbelastung leiden die Mütter immer noch unter Vorurteilen: Je kleiner das Kind, desto größer das schlechte Gewissen. Eine Expertin für Familienglück macht berufstätigen Müttern Mut zu ihrem eigenen Weg.



„Ich brauche meinen Job.“ „Wir brauchen das zweite Einkommen.“ Die Gründe sind vielfältig. Ein Drittel aller Mütter mit Kindern unter drei Jahren arbeitet und sogar fast zwei Drittel der Mütter, deren jüngstes Kind zehn Jahre und älter ist. (Quelle: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend). Die öffentliche Meinung über die Teilzeit-Mütter hält sich die Waage: Leiden Kleinkinder unter der Berufstätigkeit der Mutter? Ja! und Nein! antworten fast gleiche Anteile der Befragten (Infratest Sozialforschung 2012).

Eine kompetente Meinung kann die Deutsche Familienstiftung abgeben. Seit 1999 engagiert sie sich mit dem Projekt Familienschule Fulda und Geburts- und Familienvorbereitung für die Bedürfnisse von Familien in Deutschland. Diplom-Heilpädagogin Julia Spätling ist Leiterin der Familienschule und kann Müttern Mut machen, ihren Weg zu gehen.

„Lieber mehr Qualität als Quantität. Oft ist es so, dass arbeitende Mütter die Zeit mit ihren Kindern bewusster, intensiver und inniger nutzen.“





Liebe Frau Spätling, haben Sie einen Tipp für uns, wie man den Vorurteilen gegen Teilzeit-Mütter begegnen kann?


Das weit verbreitete Vorurteil ist, dass Kinder zu viel alleine sind und gestresste Mütter keine Nerven mehr für sie haben. Hier sollte man erstens bedenken, dass der Verdienst des Partners heutzutage zum Erhalt der Familie oft nicht ausreicht – andererseits ist die Nur-Mutter oft unzufriedener und dadurch gestresster. Daher sollte man sich als arbeitende Mama von solchen Aussagen distanzieren. Wenn man vor sich selber als Mutter gut dastehen und sagen kann „Ich gestalte die Situation für das Kind so optimal wie möglich“, kann man den Kommentaren stärker gegenüber treten. Nehmen Sie sich die Zeit, eine gute Kinderbetreuung zu suchen, Sie fühlen sich beruhigter. Sie müssen Ihren eigenen Weg suchen, der zu Ihrer individuellen Situation passt und nicht die Erwartungen von außen erfüllen. Frauen sind heute gut ausgebildet und möchten deswegen auch gerne in den Beruf zurück. Kinderbetreuung ist eine sehr schöne Aufgabe, aber es ist auch wichtig, mit Erwachsenen zu kommunizieren. Ein Schwätzchen mit der Kollegin im Büro ist teilweise sehr befriedigend. Außerdem heißt Arbeiten nicht, dass man sein Kind gleich jeden Tag fremdbetreuen lassen muss, sondern auch schon zwei Tage sind ausreichend, um zufrieden zu sein und den Finanzhaushalt aufzubessern.



Was tue ich, damit mein Kind den Umstieg von 100% auf 20% Mama hinbekommt?


Wenn es sich nicht anders einrichten lässt, benötigt das Kind eine gute „Ersatzmama“. Je jünger die Kinder, desto wichtiger es, dass eine Person im Kindergarten als zuverlässiger Ansprechpartner, als Hauptbezugsperson, da sein muss. Ein Kind unter einem Jahr jeden Tag mehrere Stunden fremdbetreuen zu lassen, geht nur gut, wenn es einen sehr innige Bindung zu der Ersatzmama hat. Eine Erzieherin auf sieben Kleinkinder ist da nicht gerade förderlich. Eine Tagesmutter ist eine gute Möglichkeit, da sie wenige Kinder gleichzeitig betreut. Kinder ab drei Jahren lösen sich in der Regel gerne für einige Stunden von der Mutter, um den Kontakt mit Gleichaltrigen zu genießen. Wenn das Kind aber merkt, dass sich die Mutter schwer tut, es gehen zu lassen, fällt es dem Kind ebenfalls schwer. Planen Sie genügend Zeit zur Eingewöhnung ein. Staffeln Sie die Zeit, die das Kind in der Betreuung bleiben soll: erst nur eine halbe Stunde und dann nach einigen Tagen steigern Sie die Stunden bis zur Abholung. Denken Sie sich zusammen mit dem Kind ein Verabschiedungsritual aus – das gibt Sicherheit und schafft Vertrauen – und geben Sie ein Kuscheltier oder etwas anderes Vertrautes von Zuhause mit. Wenn im Tagesablauf wenig Zeit für das Kind übrig bleibt, dann gestalten Sie die gemeinsame Zeit sehr intensiv. Wir Experten nennen das „Qualitätszeit für das Kind“. Generell gilt dafür: zu Hause die Situation gemeinsam gestalten, lieber Hausarbeit liegen lassen oder zusammen erledigen, also zusammen kochen und zusammen kuscheln als den Staubsauger zu bevorzugen. Körperliche Nähe macht vieles wett. Auch die häufige mündliche Rückmeldung an das Kind, das man es lieb hat, ist nicht zu vergessen.

„Starke Kinder brauchen glückliche und zufriedene Eltern für ein unbeschwertes Aufwachsen“, dafür steht die Familienschule Fulda eine Einrichtung der Deutschen Familienstiftung

Die Familienschule Fulda ist ein Ort, wo Eltern Antworten auf ihre Fragen bekommen, Kontakte knüpfen und hilfreiche Kurse von Geburtsvorbereitung über Eltern-Kind-Gruppen bis hin zu Selbsthilfe-Gruppen finden können. Neben dem genau auf die Bedürfnisse von werdenden und “jungen” Eltern abgestimmte Kursangebote, können die Eltern Sicherheit und Klarheit im eigenen Vorgehen, sowie Familien- und Partnerschaftsstärkende Anteile wie Alltagsgestaltung, Selbstpflege, Stress- und Zeitmanagement und verlässliche Unterstützung bei Problemen erhalten. Hier geht es direkt zur Familienschule Fulda.




Was können der Partner und das restliche soziale Netzwerk wie Großeltern und Freunde beitragen?


Partner, Großeltern, Freunde sind in der Regel eine gute Ausgleichsmöglichkeit, wenn sich das Kind zu den Personen hingezogen fühlt. Lässt das Kind die Mutter gerne ziehen, braucht man sich keine Gedanken zu machen. Wenn die Mutter nicht auch noch den kompletten Haushalt schaffen muss, kann sie sich entspannt Zeit für ihr Kind nehmen, daher ist eine gute Absprache für das private Alltagsgeschäft mit dem Partner und der Familie Gold wert. Zeitmanagement ist hier ein wichtiges Thema. Scheuen Sie sich nicht, Hilfe anzunehmen – vielleicht kann jemand beim Einkaufen helfen oder die Wäsche übernehmen. Wenn irgendwie möglich, kann man eine „Putzfee“ nur empfehlen.



Wie kann ich mich auf die seelische Belastung vorbereiten, nicht ganz für den Job und nicht ganz fürs Kind da zu sein?


Man muss für sich selber akzeptiert haben, dass man nie hundertprozentig sein kann. Dieses innere Eingeständnis ist ein wichtiger Schritt. Man ist keine schlechtere Mutter, nur weil man weniger Stunden für sein Kind oder seinen Partner oder den Job da ist. Hier gilt wieder: Durch die Qualität der gemeinsamen Stunden lässt sich die Abwesenheit besser ertragen. Ein gemeinsames Wochenende mit einer gutgelaunten Mutter und einem entspannten Vater trägt durch die Woche, denn das Kind weiß: Es kommen auch wieder die Tage am Wochenende, an denen Mama ganz für mich da ist. Der gemeinsame Abend mit dem Partner ist ebenso wichtig, denn die Unstimmigkeiten können Eltern nicht verstecken, weil Kinder ausgeprägte Antennen für die Stimmung der Eltern haben. Unentbehrlich ist eine Auszeit nur für sich, mindestens ein bis zwei Stunden pro Woche sind teilweise ausschlaggebend dafür, dass die Mutter ausgeglichen bleibt. Also mal einen Kaffee trinken gehen, ein Spaziergang alleine machen, einige Seiten lesen oder eine Runde joggen. Wichtig ist es, sich selbst nicht zu vernachlässigen. Hat man Kraft getankt, ist man auch wieder für die Familie stark. Vergessen Sie nicht, dass soziale Kontakte ein guter Ausgleich sein können und der Austausch mit anderen Müttern eine gute Unterstützung ist. Schluss endlich sind ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung, genügend Bewegung und ein verlässlich organisierter Alltag grundlegend, um die Belastung auszuhalten und trotzdem glücklich zu sein.



Wie schnell kann ich eine Rückkehr in meinen Beruf planen?


Im Idealfall bleibt man ein Jahr zuhause, dann hat sich die Mutter-Kind-Bindung gut festigen können. Das Kind ist nun dabei, seine Umkreise zu vergrößern und wird definitiv interessierter an seiner Umgebung, probiert aus und braucht neue Einflüsse und Anreize. Hier sind Kontakte zu anderen Kindern auch wichtig zur optimalen Entwicklung des Kindes. Falls man früher einsteigen möchte/muss und sich es in den Arbeitsalltag einbauen lässt, kann man auch versuchen, das Baby zunächst mit zu nehmen. In vorheriger Absprache ist der ein oder andere Arbeitgeber durchaus bereit dies zu gestatten. Wenn Sie das Kind zu einer Tagesmutter oder in eine Krippe geben möchten, sollten Sie eine Eingewöhnungszeit von zwei Monaten vor Beginn der Beschäftigung einplanen.



Verraten Sie uns noch, wie es Ihnen persönlich geht im Spagat Familienschule & Familie?


Es geht mir sehr gut. Meine persönlichen Spagat-Tipps sind: eine Arbeit haben, die einen wirklich ausfüllt und Spaß macht, sich an seinen Kindern zu freuen, zu akzeptieren, dass man eine nur halb so saubere Wohnung hat, wie man sie eigentlich gerne hätte und die anderen Kleinigkeiten, die man noch so alle nicht schafft, hinzunehmen. Wichtig ist nur, dass die Kinder so wenig wie möglich Nachteile durch meine Berufstätigkeit haben. Ich nehme mir die Zeit vor allem abends beim Zubett bringen der Kinder, damit ich weiß, was in ihnen vorgeht. So habe ich das Gefühl, wirklich für meine Kinder da zu sein und kann vor mir selber gerade stehen und sagen: Es ist ok, was du da tust, weil es Deinen Kindern und Dir trotzdem gut geht.

Herzlichen Dank, Frau Spätling, für Ihr fröhliches Vorbild und Ihre tollen Ratschläge!



Die Möglichkeiten nutzen! Praktische Tipps auf dem Weg zurück in den Beruf:


  • Erst einmal ein Minijob? So genannte 400-Euro-Minijobs können ein guter Berufseinstieg sein: Null Euro gehen für Steuern und Sozialabgaben weg und die Arbeitszeiten sind häufig flexibel. Alle Fragen beantwortet die Minijob-Zentrale der Bundesknappschaft montags bis freitags von 7 bis 19 Uhr unter der Hotline 01801-200 504, www.minijob-zentrale.de.
  • Alle Perspektiven prüfen! Welche Möglichkeiten gibt es, wer hilft, was ist zu beachten? Und lohnt es sich auch finanziell, zu arbeiten? Das Bundesfamilienministerium und die Agentur für Arbeit begleiten Frauen auf dem Weg zurück in den Beruf mit einem umfangreichen Beratungsportal im Internet unter www.perspektive-wiedereinstieg.de. Dort geht es auch direkt zum Onlinerechner, der einen Ausblick auf den zu erwartenden Bruttolohn und die möglichen Rentenansprüche gibt.
  • Chancengleichheit nützen! Mit der örtlichen Beauftragten für Chancengleichheit stellt die Agentur für Arbeit eine spezielle Gesprächspartnerin zu flexiblen Arbeitszeiten, familienfreundlichen Beschäftigungsmodellen und Möglichkeiten der Kinderbetreuung zur Verfügung.
  • Netzwerk für einen neuen Start: Aber was, wenn die junge Mutter noch gar keine abgeschlossene Ausbildung hat? Teilzeitberufsausbildung geht auf die besondere Situation vor allem Alleinerziehender ein. Die Integrationsprojekte finden zunehmend Unterstützung bei Industrie- und Handelskammern und Unternehmen, was auch dem Engagement des Netzwerks Teilzeitausbildung zu verdanken ist. Alle Informationen und Kontakte zu konkreten Ausbildungsangeboten unter http://ntba.reinit.net.
  • Ein spannendes Buch zum Thema: Das „Dschungelbuch“ des Verbands berufstätiger Mütter VbM enthält viele Informationen zu Rechten, steuerlichen Vorteilen, Berufsplanung, Altersvorsorge und Rente. Zu bestellen für 7 Euro unter www.vbm-online.de.
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