DIE KINDERNOTAUFNAHME: Arm gebrochen – oder doch nicht?

Gastbeitrag von Kinderchirurgin Dr. Stefanie Märzheuser

Knochenbrüche gehören zum Alltag in der Kindernotaufnahme. Beim Schulsport, beim Toben, beim Inlineskaten, auf dem Trampolin… es gibt viele Möglichkeiten für Kinder, sich Arm, Bein oder Finger zu brechen.  Aber nicht jeder Bruch ist für Eltern auf Anhieb zu erkennen. So wie bei Torwart Anna.



Ab in die Klinik oder abwarten?

Die zehnjährige Anna hatte am Nachmittag beim Fußballtraining als Torwart einen scharf geschossenen Ball mit der flachen Hand abgewehrt. Das tat weh – insbesondere am Unterarm und am Handgelenk. Der Trainer gab ihr Notfalltropfen zur Beruhigung und ein Cool Pack. Das half erstmal, die Schmerzen wurden etwas weniger. Als Annas Vater sie kurz darauf vom Training abholte, war das Handgelenk leicht geschwollen. Selbst Fußballer und eher hart im Nehmen, blieb er unbesorgt. Er hatte schon manchen „Pferdekuss“ ohne ärztliche Hilfe überstanden: „Kommt halt vor, geht auch wieder vorbei“. Annas Mutter machte sich Sorgen, wollte gleich in die Klinik fahren. Anders Anna: Der Arm schmerze schließlich nur dann, wenn sie das Handgelenk drehte oder etwas festhalten wollte. Gebrochen war er doch ganz bestimmt nicht! Die Mutter war überstimmt, die Familie wartete ab.
 
Gegen acht Uhr abends kam Anna schließlich doch zu uns in die Notaufnahme. Sie hatte ein wenig Angst  vor der Untersuchung. Das Schmerzmittel, das alle Kinder mit Verdacht auf Knochenbruch vorher bekommen, half schnell und so machte sie gut mit. Für uns Kinderchirurgen lag der Verdacht auf einen Bruch nahe, auch wenn von außen kaum etwas zu sehen war. Der Unfallhergang, die Beschwerden und der Lokalbefund sprachen dafür, also röntgten wir den Arm. Die Bilder zeigten: Anna hatte eine sogenannte Stauchungsfraktur des Radius dem größeren Unterarmknochen, auch Speiche genannt. Diese spezielle Art des Armbruchs gibt es nur bei Kindern. Das kindliche Knochengewebe ist besonders elastisch. Durch einen starken Aufprall, wie hier mit dem scharf geschossenen Fußball, wird der Knochen in sich zusammengeschoben und bricht. Äußerlich ist das fast nicht zu sehen, weder steht der Knochen schief noch ist er sichtbar verkürzt. Erwachsenen kann das so nicht passieren. Unsere Knochen sind zu spröde, sie würden komplizierter brechen und splittern.
 
Annas Arm stellten wir mit einer Unterarmgipsschiene ruhig. Damit verschwanden auch ihre Schmerzen. Noch während wir den Gips anlegten, fingen Annas Eltern an zu streiten. Ihre Mutter machte sich und ihrem Mann Vorwürfe, nicht direkt in die Klinik gefahren zu sein. Ihre große Angst: Haben sie durch ihr Zögern zusätzlichen Schaden angerichtet?

Nicht in Panik verfallen!
 
Direkt nach einem Unfall vermischen sich Schmerz und Angst, die Aufregung ist groß. Annas Fall zeigt: Knochenbrüche bei Kindern sind nicht immer offensichtlich. Solange aber keine Fehlstellung sichtbar ist, lohnt es sich, Ruhe zu bewahren und abzuwarten. Verschwindet der Schmerz und der kleine Patient ist wieder munter und ohne Beschwerden, ist auch nichts Schlimmes passiert. Halten die Schmerzen an, kann man immer noch einen Arzt oder eine Klinik aufsuchen.

Das galt auch für Anna. Sie hatte eine stabile Fraktur, bei der sich die Knochenenden auch ohne Gipsverband nicht einfach verschieben. Folgen hatte die verspätete Vorstellung in der Klinik für sie nicht. Drei Wochen nach ihrem Unfall war der Bruch verheilt und der Gips kam ab.



Zur Autorin

Dr. Stefanie Märzheuser ist Kinderchirurgin an der Charité in Berlin und Präsidentin der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V. Als Vorsitzende des Beirats begleitet sie die AXA Kindersicherheitsinitiative seit ihrem Beginn in 2013. Selbst Mutter von drei Kindern, kennt sie die Herausforderungen des Elternseins aus dem eigenen Alltag.