Gastbeitrag: Wie schlimm ist ein blauer Fleck?

Unsere Eltern hatten es einfacher. Kamen wir mit aufgeschlagenen Knien vom Rollschuh-Laufen, gab es eine Ermahnung für die zerrissene Strumpfhose und ein kratziges Pflaster (nein, keines mit Disney-Figuren...). Dann kehrte Mama zur Hausarbeit zurück, und keinem Nachbarn oder anderen Beobachter wäre es eingefallen, sie verantwortlich zu machen für unser Missgeschick. Kinder tun sich halt mal weh. Ende der Nachricht. Schließlich hatte jeder Familie, und alle die gleichen Erfahrungen.
 
Heute ist das anders. Junge Eltern stehen unter Beobachtung, und oft genug unter Generalverdacht. Denn in den Augen der Öffentlichkeit (leider auch mitunter in denen anderer Eltern) tun sie entweder zu viel oder zu wenig für ihre Kinder. Aber nie das Richtige.
 
Das Einjährige stolpert bei den ersten Schritten und schlägt sich das Händchen auf? Ganz klar, Mama ist schuld. Warum hat sie nicht besser aufgepasst? Der Vierjährige haut seinem Kindergartenfreund eine Schaufel auf den Kopf. Ganz klar: Die Eltern sind schuld. Warum ist er auch so aggressiv? Der Sechsjährige kriegt das Gedicht in der Schule nicht mehr zusammen. Ganz klar: Warum kümmern sich seine Eltern nicht?
 
Eine Öffentlichkeit, die Eltern und ihre Aufgaben so wahrnimmt, leidet an Allmachtsphantasien. Als ob es die perfekte Elternschaft gäbe, als ob es möglich wäre, einem Kind beim Heranwachsen jede schlechte Erfahrung zu ersparen und jeden Fehler im Vorhinein zu verhindern.
 
Das ist es nicht, und das ist auch gar nicht erstrebenswert. Aber: Je stärker der Druck wird, der Gesellschaft das „perfekte“ Kind zu präsentieren, desto vorsichtiger werden Mütter (Väter spüren diesen Druck oft nicht so stark). Dann springt das Kind eben nicht von der Mauer, dann darf es eben nicht mit einem echten Messer in der Küche helfen, dann bleibt es eben besser im Buggy sitzen statt auf seinen wackligen Beinchen in aller Öffentlichkeit zu straucheln.
 
Die meisten Eltern ahnen, dass sie ihrem Kind damit elementare Erfahrungen vorenthalten. Die, dass man scheitern kann und wieder aufstehen. Die, dass das Leben manchmal weh tut, man das aber ganz gut überlebt. Und vor allem: die Erfahrung eigener Stärke, wenn man etwas geschafft hat.
 
Doch genau die braucht ein Kind zum Wachsen. Es braucht Aufgaben, die ein kleines bisschen größer sind als es sich gerade fühlt, Eltern, die ihm die Lösung zutrauen – und Trost spenden, wenn es nicht geklappt hat.
 
Nur Kinder, die ihren Körper ausprobieren können, ihre Kräfte kennen und immer wieder erproben, stehen irgendwann sicher auf eigenen Beinen. Und das wollen wir doch alle. Ob wir nun gerade eigene kleine Kinder haben. Oder nicht.

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Zur Autorin: Marie-Luise Lewicki ist Chefredakteurin der „ELTERN“-Gruppe bei Gruner und Jahr AG & Co. KG und Mitglied im Beirat der AXA Kindersicherheitsinitiative.

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Die meisten Eltern sind sich einig, dass es weder gut ist, sein Kind in Watte zu packen, noch das Gegenteil. Aber wie findet man das richtige Maß? In unseren Interviews für den AXA Kindersicherheitsreport hat sich gezeigt, dass das ein großes Thema für Eltern ist. Mit unserer Kampagne wollen wir Eltern unterstützen, bewusst und selbstbewusst zu entscheiden. Wer kennt ein Kind schon besser als Mutter oder Vater? Wer seinen Nachwuchs im Alltag beobachtet, kann in der Regel gut einschätzen, was man ihm zutrauen kann ‒ mit gesundem Elternverstand sozusagen.

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