„Ertrinken ist ein leiser Unfall...“ – Wie Sie Ihr Kind schützen!

Interview mit BAG Präsidentin Dr. Stefanie Märzheuser


Ertrinken ist eine der drei häufigsten Unfallursachen, die zum Tod von kleinen Kindern führen. Als typische Unfallorte steht bei den ganz Kleinen die Badewanne an erster Stelle, gefolgt von Swimmingpools und offenen Gewässern bei Ein- bis Vierjährigen. Ab dem Grundschulalter passieren die meisten Ertrinkungsunfälle in Schwimmbädern, bei den über Zehnjährigen sind das Meer oder Seen besondere Gefahrenpunkte.

Doch viele Eltern unterschätzen die Gefahren und sind in entscheidenden Punkten schlecht informiert, das zeigt auch der AXA Kindersicherheitsreport 2014. Die repräsentative Studie hat der Versicherer im Rahmen seiner AXA Kindersicherheitsinitiative gemeinsam mit seinem Kooperationspartner, der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Mehr Sicherheit für Kinder e.V., erstellt.


„Jedes Jahr ertrinken Jungen und Mädchen unter ähnlichen Umständen“, beklagt die Kinderchirurgin an der Berliner Charité Dr. Stefanie Märzheuser. Sie ist Präsidentin der BAG, dem bekannten Fachnetzwerk zur Verhütung von Kinderunfällen, und engagiert sich als Mutter von drei Kindern seit Jahren für die Aufklärung von Risiken und Gefahren, die zu solchen Unglücken führen. „Deshalb haben wir das Thema Gefahren im und am Wasser zum Schwerpunkt unseres Kindersicherheitstages am 10. Juni 2014 gemacht. Wir möchten Eltern und allen, die unseren Nachwuchs betreuen, für die Risiken, die von Wasser ausgehen können, sensibilisieren.“ Aus diesem Anlass haben wir Frau Dr. Märzheuser zum Thema Kindersicherheit im und am Wasser befragt.



Frau Dr. Märzheuser, was sind denn die typischen Unfälle von Kindern, denen Sie in Ihrer Arbeit begegnen?

Dr. Stefanie Märzheuser: Da möchte ich zu allererst zwischen Altersgruppen unterscheiden. Kindern zwischen null und einem Jahr passieren überwiegend häusliche Unfälle, die im Grunde einfach zu vermeiden wären. Das sind zum einen Stürze wie vom Wickeltisch und von der Treppe. Zum anderen ersticken diese kleinen Kinder leicht, zum Beispiel an Kleinteilen oder unter einer Decke.

Größere Kinder zwischen etwa Eins und Fünf werden zunehmend mobil und selbstständig. Sie wollen Erfahrungen sammeln. Weil die Kleinen dieser Altersklasse allgemein noch nicht so sicher auf den Beinen sind, geschehen hier weiterhin oft Stürze und entsprechende Verletzungen wie Brüche.



Eine Gefahr in diesem Alter sind auch Vergiftungen: In ihrem Forscherdrang öffnen die Kinder zum Beispiel Flaschen und Schachteln und probieren die Dinge, die da drin sind, einfach aus.

Zwischen fünf und zehn Jahren treten dann vermehrt Freizeit- und Sportunfälle auf. Ein Klassiker ist das Fußballspielen, bei dem vergleichsweise viel passiert. Für ältere Kinder und Jugendlichen wird dann immer häufiger der Schulweg gefährlich. 




In diesem Jahr ist die Sicherheit von Kindern im und am Wasser Schwerpunkt des bundesweiten Kindersicherheitstags. Warum haben Sie dieses Thema gewählt?

Dr. Stefanie Märzheuser: Die zentralen Fragen sind für uns bei der Themenwahl, „Wie häufig passiert etwas?“ und „Wie gravierend ist etwas?“ Ertrinken ist bei kleinen Kindern eine der drei häufigsten  Unfallursachen mit Todesfolge und ein Ertrinkungsunfall ist besonders schrecklich. Die meisten dieser Unfälle passieren im Alter zwischen null und vier und zwischen acht und zehn Jahren. Sie sind sehr schwerwiegend und zerstörend. Wenn ein Kind dabei nicht stirbt, erleidet es meist massive Folgeschäden. Denn ohne Sauerstoff wird das Gehirn sehr schnell und schwer in Mitleidenschaft gezogen. Die Mädchen und Jungen haben häufig keine Chance!

Fast der Hälfte der Eltern ist nicht bewusst, dass ein Kind unter drei Jahren schon ab einer Wassertiefe von etwa 5 Zentimetern ertrinken kann. Das hat der Kindersicherheitsreport 2014 zum Thema "Sicherheit im und am Wasser" von AXA und BAG ergeben. Und immerhin fast jeder Achte würde ein Kleinkind unter drei Jahren zumindest kurzzeitig alleine in der Badewanne lassen, z.B. wenn es an der Tür geklingelt hat. Bei den Eltern von Kindern bis zwei Jahren sagt das sogar fast jeder Vierte. Das muss sich ändern!



Welche Situationen sind denn gefährlich? Wie ertrinken Kinder?

Dr. Stefanie Märzheuser: Wie gesagt, kleine Kinder können schon im ganz seichten Wasser ertrinken. Wenn sie mit dem Kopf unter Wasser kommen, drehen sie sich nicht einfach um, sie bleiben regungslos liegen und unternehmen keinerlei Selbstrettungsversuche. Warum das so ist, können wir nicht sagen, doch kleine Kinder kämpfen nicht sehr um ihr Leben. Weder in der Badewanne, noch in einem Teich oder im Planschbecken. Das sollte man sich zutiefst verinnerlichen, in jeder Situation mit Wasser immer bedenken und die entsprechenden Stellen unbedingt absichern. Leider machen das zum Beispiel bei Teichen oder Swimmingpools im eigenen Garten immer noch nur knapp die Hälfte der Eltern vollständig. Auch das ergab der AXA Kindersicherheitsreport.

Die zweite gefährliche Phase ist, wenn die Kleinen ihre ersten Schwimmabzeichen machen  wie das Seepferdchen. Das suggeriert Eltern und Kindern eine trügerische Sicherheit. Man denkt: Jetzt können sie schwimmen und man muss sie nicht mehr ständig beaufsichtigen. Aber das stimmt nicht. Das Schwimmabzeichen in Bronze – besser Silber - ist für sicheres Schwimmen bzw. die „Schwimmfähigkeit“ von Kindern ein guter Anhaltspunkt. Das bedeutet, man kann 200 Meter bzw. 15 Minuten ohne Unterbrechung schwimmen. Vorher brauchen Kinder ständige Aufsicht.
 
Ertrinken ist ein leiser Unfall! Das ist das Schlimme daran. Man hört es nicht, es gibt keine Alarmzeichen, wie bei einem Sturz einen lauten Rums oder einen Schrei. Es geschieht ganz leise. Und wird deshalb oft zu spät bemerkt.



Wenn man sich die Unfallzahlen anschaut, passieren vor allem kleinen Kindern besonders häufig schwere Unfälle? Warum ist das so?

Dr. Stefanie Märzheuser: Kinder sind zwar wesentlich robuster, als sie aussehen. Aber sie haben, das Thema hatten wir ja schon gestreift, einfach keinen Selbstrettungsimpuls. Außerdem fehlt ihnen noch das Gefahrenbewusstsein. Je jünger sie sind, umso mehr. Das Bewusstsein für Gefahren entwickeln sie mit den Jahren, denn es wächst erst mit den gemachten Erfahrungen. Deshalb müssen die Erwachsenen die Aufsicht übernehmen. Natürlich ist es auch wichtig, dass Kinder sich mal eine Beule oder einen blauen Fleck holen. Man kann Kindern auch gut spielerisch und Alters angemessen beibringen, mit Dingen wie scharfen Messern, Feuer und eben auch Wasser umzugehen. Das sollen sie ja lernen. Schlimmere Unfälle sollte man aber natürlich unbedingt vermeiden. Und genau das ist Schwerpunkt unserer Arbeit.


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Der AXA Kindersicherheitsreport 2014 zeigt, dass das Wissen von Eltern rund um Wassergefahren lückenhaft ist. Die Studienergebnisse machen deutlich, dass viele Eltern nicht hinreichend für die Gefahren sensibilisiert sind. Obwohl jeder achte Befragte angibt, dass sein Kind schon einmal aus dem Wasser gerettet werden musste, sichert nur die Hälfte der befragten Eltern vorhandene Wasserflächen rund um das eigene Heim ab. Auch ist Vielen nicht bewusst, dass selbst wenige Zentimeter Wasser für Kleinkinder gefährlich werden können. Im Auftrag von AXA hat das Meinungsforschungsinstitut forsa mehr als 1.000 Eltern mit Kindern unter 18 Jahren im Haushalt befragt.

Es gibt viele gute Beispiele, die zu mehr Kindersicherheit beitragen. Die BAG begleitet und berät als fachlicher Partner die 2013 ins Leben gerufene AXA Kindersicherheitsinitiative. Wir wollen damit zum Nachmachen anregen, daher haben wir auch die gemeinsame Ausschreibung des AXA Kindersicherheitspreises ausgerufen.

Gefahren erkennen. Und Unfälle vermeiden.
Die vier Kindersicherheits-Checklisten von AXA zum Ausmalen und Lernen informieren über die wichtigsten Gefahrenquellen im Haus, Garten, auf der Straße und beim Schwimmen, am See und am Meer. Finden Sie mit Ihrem Kind gemeinsam aktiv und spielerisch die gefährlichen Stellen. Nutzen Sie die Kindersicherheits-Checklisten von AXA. 


Wie unterscheidet sich denn die Wahrnehmung von Kindern im Gegensatz zu Erwachsenen?

Dr. Stefanie Märzheuser: Die neurologischen Fähigkeiten nehmen erst mit dem Alter zu. Kinder können zum Bespiel Höhen, Entfernungen und Geschwindigkeiten noch gar nicht einschätzen. Ein Beispiel: Ein vier- bis sechsjähriges Kind, das am Straßenrand steht, weiß nicht, ob ein etwas entfernteres Auto dort geparkt steht oder ob es fährt. Ein Kind im selben Alter, das im 10. Stock aus dem Fenster sieht, erschrickt nicht vor der Tiefe. Die Tiefenschärfe ist erst ab dem zehnten bis zwölften Lebensjahr so wie bei einem Erwachsenen entwickelt.

Kinder hören übrigens auch anders. Sie filtern Geräusche nach anderen Kriterien und die Bewertung nach der Wichtigkeit von Geräuschen ist gänzlich anders als bei Erwachsenen. Ebenso die Wahrnehmung von z.B. alarmierenden Tönen. Auch die räumliche Ortung von Geräuschen ist noch nicht ausgebildet. Kindern fällt es noch sehr schwer, zu erkennen, woher ein Ton kommt.



Aus Ihrer Erfahrung als Kinderchirurgin und Präsidentin der BAG heraus – glauben Sie, dass Eltern diese Unterschiede bewusst sind?

Dr. Stefanie Märzheuser:  Ich glaube, dass dieser Unterschied den Erwachsenen früher bewusster war. Da gab es noch mehr Überlappungen zwischen den Generationen und es machten sehr viele schon in jungen Jahren im familiären Umfeld Erfahrungen mit kleineren Kindern – mit Geschwistern, Cousins, Neffen, Nichten. Und zwar lange bevor man selbst ein eigenes Kind zur Welt gebracht hat. Die Eltern von heute erleben häufig erst am eigenen Kind den Umgang mit einem Baby oder einem Kleinkind und wissen nicht, was ein Kind in welchem Alter kann und was nicht. Viele kennen auch die Gefahren nicht, die Wasser für kleine und auch schon größere Kinder bedeuten. Deshalb müssen wir immer wieder darüber reden und die Menschen auf breiter Front dazu informieren, und darum engagiere ich mich auch jedes Jahr aufs Neue für die Aufklärung.



Sie sind selbst Mutter. Hat das, was Sie täglich in Ihrer Arbeit als Kinderchirurgin sehen, Ihr eigenes Verhalten als Mutter verändert?

Dr. Stefanie Märzheuser: Ich würde das anders formulieren: Seit ich die Unfallpräventionsarbeit mache, bin ich eine vernünftigere Mutter. Denn ich bin im Grunde ein recht risikofreudiger Mensch. Das habe ich für meine Kinder auf ein gesundes Maß reduziert. Die drei werden jetzt nicht dauernd überwacht oder kontrolliert, nein, das nicht, sie treiben zum Beispiel alle Sport. Aber ich achte sehr darauf, dass ihnen nichts Schlimmes passiert.



Was können Erwachsene tun, um Kinder vor Unfällen zu schützen?

Hingucken und Verantwortung übernehmen! Wir hatten vor einer Weile eine Kampagne mit dem Motto „Kinderunfälle gehen jeden an – jeden Tag“. Das finde ich sehr gut, denn es sagt alles. Es ist wichtig, dass man hinsieht – jeder von uns kann das tun. Und wenn jemand  bemerkt, dass etwas gefährlich ist, sollte er sich trauen, das auch laut zu sagen und davor zu warnen. Auch wenn es sich nicht um das eigenen Kind handelt. Hinterher zu sagen, dass ja jeder hätte sehen können, dass eine bestimmte Sache schief geht, aber in der Situation selbst nicht zu handeln - das ist zu einfach!  

Und Eltern können vor allem in der häuslichen Umgebung viel tun: gefährliche Wasserstellen wie Teiche und Regentonnen sichern und beim Planschen in der Badewanne oder im Wasserbecken – das gilt auch im Schwimmbad oder am See – die Kinder niemals aus den Augen lassen. Es reichen wenige Sekunden, damit etwas Gravierendes passieren kann.
 
Frau Dr. Märzheuser, wir bedanken uns sehr für das offene Gespräch.

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