Wenn Eltern psychisch krank sind – was brauchen ihre Kinder?

Fast ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland leiden jährlich an einer psychischen Störung. Die meisten davon an Depressionen oder Angstzuständen. Ungefähr zwei bis drei Millionen Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre erleben Schätzungen zufolge pro Jahr, dass ein oder zwei Elternteile psychisch erkranken. Manche Fachleute gehen von noch drastischeren Zahlen aus, denn die Dunkelziffer ist hoch und die Fallzahlen steigen stetig. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt, dass im Jahr 2020 Depressionen nach Herz-Kreislauferkrankungen die zweithäufigste Erkrankung in den Industriestaaten sein könnten. Aufrüttelnd ist dabei auch: Den meisten Suiziden liegen  psychische Symptome als Hauptursache zugrunde.



Zwar werden seelische Probleme in den letzten Jahren allgemein immer häufiger und früher erkannt. Doch Psychosen bei einem Elternteil und deren Bedeutung für den Nachwuchs sind bis heute eine Art Tabu, an dem zu selten gerührt wird. „Nicht nur die Eltern selbst tauschen sich kaum über ihre Schwierigkeiten aus, auch viele Kinder, besonders ältere, verschweigen, dass es ihrer Mutter oder ihrem Vater seelisch nicht gut geht und sie mitansehen müssen, wie ein „Traurig-Tag“ nach dem anderen ins Land geht“, erklärt die Diplom-Heilpädagogin und Leiterin der Familienschule der Deutschen Familienstiftung in Fulda Julia Spätling. Als Expertin weiß sie, was Kinder in einer solchen Situation am meisten brauchen. In unserem Interview steht sie uns Rede und Antwort.


Frau Spätling, wie fühlen sich Mädchen und Jungen, deren Eltern sich über längere Zeit z.B. in dem schwarzen Loch einer Depression oder in einer anderen stark psychisch belasteten Phase befinden?

Julia Spätling: Viele Kinder leiden sehr unter einer solchen Erkrankung ihrer Eltern. Das Vertrackte ist: Meist geben sie sich selbst die Schuld dafür, dass es der Mutter oder dem Vater so schlecht geht. Diese Kinder ziehen sich oft von ihrer Umwelt zurück, manche laden gar keine Freunde mehr ein. Dafür helfen sie wiederum übermäßig zuhause, im Haushalt, und passen sich sehr an die jeweiligen Gegebenheiten an. Sie wollen den Eltern nicht zur Last fallen und auf keinen Fall der Auslöser für deren Gefühlszustände wie Aggressionen, Verzweiflung, Weinkrämpfe oder Verwirrung sein.


Merkt man einem Kind an, dass es zuhause Probleme dieser Art gibt?

Julia Spätling: Nicht immer, aber häufig. Die betroffenen Kinder oder Jugendlichen versuchen zwar auf der einen Seite, die familiären Probleme gut zu verbergen und deswegen besonders gut zu funktionieren, werden aber auf der anderen Seite oft auffällig. Sie neigen zum Beispiel zu sozialem Rückzug oder zeigen aggressives Verhalten. Manche bekommen plötzlich Schwierigkeiten in der Schule oder Ausbildung, andere leiden an unerklärlicher Ängstlichkeit oder wieder andere verfügen über eine sehr geringe Frustrationstoleranz. Das heißt, sie geben auffallend schnell auf, wenn die ersten Schwierigkeiten bei einer begonnenen Sache auftauchen. Bei solchen Anzeichen sollte man genau hinsehen und vorsichtig den Kontakt, das Gespräch mit dem jungen Menschen suchen.


Sind diese Anzeichen bei allen Kindern ähnlich?

Julia Spätling: Nein, die Auswirkungen auf die Kinder sind nach meiner Erfahrung und auch der von anderen Experten sehr unterschiedlich. Es gibt Kinder, denen die Verarbeitung der Situation einfacher fällt, andere dagegen entwickeln die oben beschriebenen Auffälligkeiten. Auch gehen Mädchen und Jungen je nach Alter sehr unterschiedlich damit um.


Was brauchen die Kinder psychisch erkrankter Elternteile am meisten?

Julia Spätling: Fest steht, dass Kinder in diesen schwierigen Situationen auf Unterstützung von außen angewiesen sind. Sie brauchen jetzt dringend Personen in ihrem Umkreis, mit denen sie vertraulich sprechen können und die ihnen zuhören. Sehr gut sind außerdem ausreichend entlastende Angebote wie Sport, Naturerlebnisse, Freunde treffen, Hobbies und Dinge, die Spaß und Freude machen. Wichtig ist auch ein neuer, anderer Kontakt mit den Eltern.

Die Kinder brauchen offene Gespräche mit Vater und Mutter, über deren Gefühle und Empfindungen, die Probleme, mit denen sie kämpfen. Ganz wichtig ist die Rückversicherung, dass sie, die Kinder, nicht „schuld“ an der Situation sind. Sie sollten ermuntert werden, mit Gleichgesinnten über die Erkrankung ihrer Eltern offen zu sprechen. Diese Kinder sollten lernen und es dürfen, kein Geheimnis daraus zu machen.

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„Starke Kinder brauchen glückliche und zufriedene Eltern für ein unbeschwertes Aufwachsen“, dafür steht die Familienschule Fulda eine Einrichtung der Deutschen Familienstiftung.

Die Familienschule Fulda ist ein Ort, wo Eltern Antworten auf ihre Fragen bekommen, Kontakte knüpfen und hilfreiche Kurse von Geburtsvorbereitung über Eltern-Kind-Gruppen bis hin zu Selbsthilfe-Gruppen finden können.

Neben den genau auf die Bedürfnisse von werdenden und jungen Eltern abgestimmten Kursangeboten erhalten die Eltern familien- und partnerschaftsstärkende Hilfen zu Themen wie Sicherheit und Klarheit im eigenen Vorgehen, Alltagsgestaltung, Selbstpflege, Stress- und Zeitmanagement sowie verlässliche Unterstützung und Beratung bei unterschiedlichsten Problemen. Hier geht es direkt zur Familienschule Fulda.


Was kann passieren, wenn den Kindern oder Jugendlichen nicht geholfen wird?

Julia Spätling: Tatsache ist leider, dass sich in Deutschland nur die Hälfte aller von seelischen Problemen Betroffenen behandeln lassen. Gerade bei Eltern ist es aber wichtig, dass sie unbedingt etwas für ihre Gesundung tun. Denn sonst kann es dazu führen, dass sich alles im Familienleben nur noch um die Krankheit dreht. Das Kind fühlt sich hilflos, allein gelassen, unbeachtet, ungeliebt. Die Folgen können verheerend sein, je jünger die Kleinen, desto eingreifender. Das kann von Gefühlen der Selbstunwirksamkeit, Stress, verzögerter Entwicklung und körperlichen Erkrankungen bis hin zu Ersatzhandlungen wie unmäßiges Essen oder Computerspielen, Traumatisierung oder Bindungs- und Verhaltensstörungen reichen.


Kinder schweigen oft über die Krankheit ihrer Eltern. Warum? Wovor haben die betroffenen Kinder Angst?

Julia Spätling: Das hat viel mit Scham zu tun. Man muss sich das so vorstellen: Es schwebt ständig eine „schwarze Wolke“ über der Familie. Es gibt keine Erklärungen, keine Sicherheit. Fragen werden nicht gestellt. Wie schon angesprochen: Oft geben sich die Kinder selbst die Schuld an der Erkrankung ihrer Eltern. Außerdem herrscht die Befürchtung, dem Elternteil mit der Offenheit nach außen zu schaden.

Was man ebenfalls bedenken muss: Viele Kinder begleitet die große Angst, ebenfalls psychisch zu erkranken. Und diese Sorge ist gar nicht unbegründet: Kinder aus solchen Familien sind drei- bis fünfmal mehr gefährdet, selbst eine psychische Störung zu entwickeln als andere. Diese Kinder davor zu schützen und ihnen dabei zu helfen, ist ein Grund mehr, möglichst früh einzugreifen und zu handeln!


Wo liegen die Ursachen für psychische Erkrankungen?

Julia Spätling: Das ist ganz verschieden. Vererbung kann eine Rolle spielen, Stress, Überlastung, eine plötzlich veränderte Lebenssituation oder ein Verlust, schlimme Erlebnisse in der Kindheit oder auch im Erwachsenenalter, neurobiologische Veränderungen im Gehirn oder den Nervenzellen oder z.B. auch Drogenkonsum. Oft sind es sogar mehrere Faktoren, die zusammenspielen. Wichtig ist zu wissen, dass weder der Erkrankte noch seine Umgebung an einer solchen Krankheit schuld sind. Denn eine psychische Erkrankung kann jeden treffen.


Was können erkrankte Eltern für ihre Kinder tun? Und wo bekommen sie Hilfe?

Julia Spätling: Die erkrankten Eltern selber tun in der Regel alles, was ihnen in ihrem Zustand nur möglich ist, um ihre Kinder zu unterstützen. Sie schöpfen aus ihren Verpflichtungen dem Kind gegenüber auch oft Kraft für den Alltag. Das Kind gibt ihnen den Antrieb, trotz der Krankheit irgendwie weiter zu machen, durchzuhalten, zu funktionieren. Dadurch aber, dass das Kind oft auch die Rolle des Trösters und Unterstützers übernimmt, gerät es in eine Situation, die oft nicht altersentsprechend und eine große Belastung ist.

Deshalb sollten Väter und Mütter, die an sich selber häufig Traurigkeit, Ängstlichkeit, Aggressionen oder Stimmungsschwankungen wahrnehmen, eine Beratung aufsuchen. Hilfe findet man zum Beispiel bei Familienbildungsstätten, Pro Familia, der Caritas oder bei niedergelassenen Psychologen, Coaches und Psychotherapeuten. Ich weiß, Hilfe anzunehmen ist oft schwer, hier aber ein Ausweg aus einer sehr schwierigen Lage. Denn die Behandlung der Erkrankung ist die Voraussetzung für ein  gesundes Aufwachsen des Kindes.

Auch die Unterstützung durch Kindertagestätten, Tagesmütter und Erziehungshilfe sind ein guter Schritt. Wichtig für Eltern mit psychischen Erkrankungen ist oft Entlastung durch familienunterstützende Personen, seien es Freunde, Familie, Familienunterstützer und Selbsthilfegruppen. Wie für die Zeit in oder nach einer Schwangerschaft oder bei anderen schwierigen familiären Situationen bieten auch wir in der Familienschule Fulda zum Beispiel vorübergehend die Entlastung durch eine Elternfee und eine professionelle kostenlose Beratung an.


Welche Ängste hindern Eltern, sich Hilfe von außen zu suchen?

Julia Spätling: Oft hindert die Eltern die Angst, ihnen könnte das Kind weggenommen werden. Dies ist aber in den seltensten Fällen der Fall und es werden eher Unterstützungsangebote gemacht, bevor andere Maßnahmen ergriffen werden. Deshalb sollte jeder Betroffene den Mut haben, Hilfe zu suchen, denn oft kommt man alleine nicht aus seinem „Loch heraus“. Der Eimer über dem Kopf kann nur mit Hilfe anderer wieder ausgezogen werden.

Was möchten Sie als Expertin am liebsten zu von einer psychischen Erkrankung betroffenen Menschen sagen? Etwas, das auch den Angehörigen, den Kindern hilft?


Mut, nur Mut! Es kann besser werden, wenn man sich helfen lässt. Und wenn man offen über die Erkrankung spricht. Dies gilt sowohl für die Kinder, als auch die Eltern!


Hilfreiche Links:

Literaturtipps von Julia Spätling:

  • Sigrun Eder, Petra Rebhandl-Schartner, Evi Gasser: Annikas andere Welt, Hilfe für Kinder psychisch kranker Eltern, 2013
  • Albert Lenz & Eva Brockmann: Kinder psychisch kranker Eltern stärken, Informationen für Eltern, Erzieher und Lehrer, Göttingen, 2013

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