Sinn oder Unsinn? Brauchen wir Nahrungsergänzungsmittel?

Magnesium ist der unangefochtene Spitzenreiter, gefolgt von anderen Mineralstoffen und Multivitaminpräparaten. Die Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln können sich laufend über Zuwächse freuen. 136 Millionen Packungen wurden 2014 verkauft, die meisten Verwender haben sich die Präparate ohne Empfehlung des Arztes selbst verordnet. Die Meinungen über den Nutzen der Nahrungsergänzung gehen weit auseinander. Im PLUS haben Sie jetzt die Gelegenheit, einen anerkannten Experten zu hören.



Mit dem Gesundheitsbewusstsein der Deutschen ist ein gutes Geschäft zu machen. Jeder dritte Deutsche greift zu Nahrungsergänzungsmitteln wie Vitaminpräparaten, Pflanzenextrakten oder Kapseln mit Omega-3-Fettsäuren und gibt dafür bis zu 300 Euro im Jahr aus, wie eine aktuelle Forsa-Umfrage zeigt. Rund sechs Milliarden Euro setzt die Branche jährlich in Europa um, vier Milliarden davon alleine in Deutschland.
 
Die Hersteller der Nahrungsergänzungsmittel warnen vor einem bedrohlichen Mangel an Vitalstoffen und werben mit umfassenden Gesundheitsversprechen. Wissenschaftlich belegt sind die allerdings nicht. Weil Nahrungsergänzungsmittel nicht zu Medikamenten sondern zu Lebensmitteln zählen, muss ihre Wirksamkeit nicht in Studien bewiesen werden. Viele Menschen schwören aber auf die gesundheitlichen Effekte ihrer Powerpräparate, vor allem Sportler fühlen sich mit Energiekonzentraten auf der sicheren Seite. Viele Mediziner halten dagegen, dass Nahrungsergänzungsmittel überflüssig sind, und immer wieder wird die Meinung laut, dass eine Überversorgung mit Vitalstoffen sogar gefährliche Auswirkungen bis zu erhöhtem Krebsrisiko haben kann. Wer hat also recht?  Sind die Pillen und Pulver Freund oder Feind?



„Wenn es Ihnen gut tut, dann nehmen Sie das.“

Wir fragen Professor Dr. med. Stephan Martin, der sich als Forscher und Diabetologe, Chefarzt und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums, intensiv mit Ernährung auseinandersetzt und dafür bekannt ist, eingefahrene Empfehlungen und auch Lehrmeinungen kritisch zu hinterfragen.


Herr Prof. Martin, für wen empfiehlt sich die gezielte Einnahme von Nahrungsergänzungen? Sind wir bei einer ausgewogenen Ernährungsweise nicht ausreichend mit Vitaminen und Mineralstoffen versorgt?

Professor Dr. Martin: Wir sprechen jetzt von Nahrungsergänzungsmitteln als „Zubrot“; die wir also einnehmen, weil wir uns davon eine Verbesserung von Fitness versprechen - genauso wie sich die Werbung das wünscht. Eine ganz andere Sache sind Nahrungsergänzungsmittel als Therapie bei einer Erkrankung; wenn wir beispielsweise Eisen bei Blutverlusten einsetzen oder mit Protein-Präparaten Übergewichtigen eine Brücke in neue Ernährungsgewohnheiten bauen. Gesunden Menschen empfehle ich persönlich keine Nahrungsergänzungsmittel. Wenn wir uns ausgewogen ernähren, sind wir gut versorgt. Das Problem ist ja alleine schon festzustellen, wie viel Vitamin E wir nun zu uns nehmen müssen, um einen Effekt zu erzielen. Da gibt es keine gesicherten Erkenntnisse.


Gibt es Empfehlungen zur gezielten Nahrungsergänzung, wenn man Sport betreibt? Neben der „echten“ Nahrungsergänzung für Kraftsportler gibt es ja auch viele populäre Mikronährstoff-Präparate. Sind diese „leichteren“ Varianten für Freizeitsportler empfehlenswert?

Professor Dr. Martin: Auch Sportler brauchen keine speziellen Nahrungsergänzungsstoffe, wenn sie sich vernünftig ernähren. Möglicherweise kann man sich bei intensivem Krafttraining ein Proteinpulver zufüttern. Aber auch hier haben wir einen „Conflict of Interest“. Hinter dem Sport steht ein großer Markt, in dem ordentlich Umsatz gemacht werden soll. Vom medizinischen Standpunkt kann ich keine Notwendigkeit für eine Nahrungsergänzung bei Sport sehen. Das gilt für die professionellen Supplements ebenso wie für die populären Mikronährstoff-Cocktails, die mit einem ungeheuren Werbedruck im Markt agieren.


Gibt es typische „Mythen“ beim Thema Nahrungsergänzung?

Professor Dr. Martin: Es sind vielleicht weniger Mythen, sondern Trendthemen, die immer wieder auftauchen. Im Moment ist es das Vitamin D als Schutz vor einem Herzinfarkt. Wir alle produzieren das Vitamin im eigenen Körper unter Sonneneinstrahlung, wenn wir uns also ausreichend an der frischen Luft bewegen. Ein beliebter Hype sind auch die berühmten Omega-3-Fettsäuren, die in Tablettenform angeboten werden. Leider hat die Origin-Studie gezeigt, dass es keinen Unterschied zwischen Verwendern und Nichtverwendern gibt. Vitamin C ist im Zusammenhang mit Linus Pauling Legende geworden. Die Bedeutung der Vitamine in der Ernährung wurde in der Öffentlichkeit systematisch nach oben getrieben. Aber für nichts, was behauptet wird, gibt es Beweise.


Welche Nebenwirkungen oder Risiken gibt es bei der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln? Wie geht ein Körper mit einer Überdosierung von Vitaminen, Mineralstoffe und Eiweiß um?

Professor Dr. Martin: Grundsätzlich ist es so, dass überzählige Vitamine, Mineralstoffe und Proteine einfach ausgeschieden werden. Es nützt also nichts, schadet aber auch nicht. Ich sage meinen Patienten: Wenn es Ihnen gut tut, dann nehmen Sie das. Manche Menschen fühlen sich einfach leistungsfähiger, wenn sie etwas einnehmen – da kann durchaus ein Placeboeffekt eintreten, den ich nicht schmälern möchte.  Aber dieses Wohlbefinden muss aus eigener Tasche bezahlt werden - und dabei muss gesagt werden, dass die teuren Marken nicht unbedingt besser als die preisgünstigen sind.

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Bei Leistungssportlern ergibt sich ein spezielles Risiko: Bei frei verkäuflichen Präparaten denkt niemand über unfreiwilliges Doping nach. Gibt es dennoch scheinbar harmlose Substanzen, die unter den Begriff „Doping“ fallen?

Professor Dr. Martin: Eine Studie an der Deutschen Sporthochschule Köln hat festgestellt, dass immer mehr Nahrungsergänzungsmittel problematische Stimulanzien enthalten, die nicht auf der Packung deklariert sind. In Deutschland enthielten etwa elf Prozent der getesteten Nahrungsergänzungsmittel verbotene Anabolika. Auf der sogenannten „Kölner Liste“ aller getesteten Nahrungsergänzungsmittel wird vor allem vor Präparaten aus Übersee und Angeboten im Internet gewarnt.


Gibt es ein natürliches Pendant zu den künstlichen Ergänzungsmitteln?

Professor Dr. Martin: Ernähren Sie sich vernünftig! Dazu gehören auch die richtigen Fette. Die Aussage, dass der Anteil von Fetten in der Ernährung 30 Prozent nicht überschreiten soll, wurde 1977 in den USA von einer Expertenkommission festgelegt. Es gibt aber für diese Faustregel keinerlei wissenschaftliche Basis. Die PREDIMED-Studie hat dagegen gezeigt,  dass eine Mittelmeerkost mit 1 Liter Olivenöl pro Woche für die ganze Familie oder mit 30 Gramm Nüssen pro Tag sehr viel besser dem kardiovaskulären Risiko entgegentritt als eine fettarme Ernährung. Wer sich daran hält, braucht kein synthetisches Omega-3.

Herr Professor Dr. Martin, wir danken Ihnen für die interessanten Informationen.


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