Serie Schlaganfall – Teil 3: Neue Wege zurück ins Leben

Interview mit Dr. med. Alexander Hemmersbach

Immer mehr Menschen überleben einen Schlaganfall. Das ist eine gute Nachricht, weil nicht nur Leben, sondern auch Lebensqualität erhalten bleiben kann, da die Rehabilitation große Fortschritte gemacht hat. Das ist den Therapien zu verdanken, vor allem aber auch einer neuen Sichtweise, die den Patienten als Menschen mit Lebenskontext betrachtet. Der Reha-Experte Dr. med. Alexander Hemmersbach zeigt ermutigende Perspektiven auf. 



Das Ziel scheint anfangs endlos entfernt: die Rückkehr in das gewohnte Leben. Aber plötzlich steht Hilfe am Bett. Der Schlaganfall-Lotse kommt schon kurz nach dem Ereignis ins Krankenhaus, um Unterstützung anzubieten und begleitet Patienten dann bis zu eineinhalb Jahre lang mit Erfahrung, Information und Motivation. Noch ist der Schlaganfall-Lotse ein Modellprojekt der Deutschen Schlaganfall-Hilfe. In Dresden und Gütersloh wird es bereits mit Erfolg durchgeführt, weitere Lotsenprojekte wurden in Hamburg und in der Region Ostwestfalen-Lippe auf den Weg gebracht. Ein Sonderprojekt ist der Schlaganfall-Kinderlotse in Bremen, der Familien bundesweit berät. Über kaum eine Krankheit wurde so viel nachgedacht in den letzten Jahren. „Nothing can be done“, so hilflos sah man sich dem Schlaganfall noch in den 1970er Jahren gegenüber. Das hat sich geändert. Die dramatische Aussicht auf eine Steigerung der Fallzahlen um mehr als 30 Prozent bis 2030 hat neue Denkmodelle provoziert. Die Ziele der Rehabilitation sind dadurch konkreter und anspruchsvoller geworden.



Möglichst viel Leben zurück gewinnen

Unser Gesprächspartner Dr. med. Alexander Hemmersbach ist Arzt für Neurologie, Sozialmedizin, Rehabilitationswesen, Physikalische Therapie und Verkehrsmedizin. Seine Domäne ist seit vielen Jahren die neurologische Rehabilitation. Als Chefarzt leitet er das hochleistungsfähige Rehabilitationszentrum der Johanniter-Ordenshäuser Bad Oeynhausen. Für neue Denkmodelle steht dort beispielsweise ein Therapiehaus, das Arbeitsplätze praxisecht simuliert, um gezielt die Rückkehr in den Beruf vorzubereiten - die Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften hat dafür im Jahr 2013 einen Förderpreis verliehen. „Unglaublich positiv“ sind die Ergebnisse neuer Ansätze in der Reha, „wir haben heute einen anderen Blick auf den Menschen.“ Dr. Hemmersbach erzählt uns von den Fortschritten in der Rehabilitation.



Herr Dr. Hemmersbach, wann beginnt die Rehabilitation nach dem Schlaganfall und was ist das Ziel?

Dr. Alexander Hemmersbach: Die Reha muss so schnell wie möglich beginnen, um die Regenerationsfähigkeit von Körper und Gehirn bestmöglich zu nutzen. Die Rehabilitationsmaßnahmen beginnen bereits im Krankenhaus, noch auf der Stroke Unit – Schlaganfall Spezialstation - sobald es der körperliche Zustand des Patienten zulässt.


Die Ziele sind dabei sehr konkret. Während man früher etwa anstrebte, generell die Lähmung zu reduzieren, sagen wir heute: Der Patient soll zu Hause leben! Was muss er dafür können? Und wie schaffen wir das? Dafür schauen wir den Menschen in seinem Kontext an und beziehen sein gesamtes Umfeld in den Reha-Prozess ein. Das sind die Lebensumstände, die Angehörigen, das soziale Befinden, die Wohnsituation und natürlich auch der Beruf. Die wesentliche Frage ist: Wohin rehabilitieren wir einen Menschen? Das müssen wir wissen, um das Richtige zu tun.  


Bei Menschen, die der Schlaganfall aus dem Beruf gerissen hat, müssen wir zum Beispiel ein Anforderungsprofil der Tätigkeit haben. Was muss wieder erlernt werden, um zurückzukehren? Dafür haben wir ein ganzes Haus eingerichtet, das Arbeitsplätze simuliert, wie z.B. die Reparatur von Fahrzeugen, die Arbeit einer Friseurin oder eines Pflasterers. Wir schauen uns den Beruf an und versuchen, seine Anforderungen so konkret wie möglich abzubilden.


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Wie verändert sich das Leben eines Schlaganfall Patienten?

Dr. Alexander Hemmersbach: Vom Schlaganfall können ganz unterschiedliche körperliche und geistige Bereiche eines Menschen betroffen sein, nicht nur ein Organ. Dies bedeutet auch, dass ein Schlaganfall, je nach Ausprägung der einzelnen Störungen, Auswirkungen auf alle Lebensbereiche haben kann. Dazu kommen häufig psychische Reaktionen auf den Verlust gewohnter Kompetenzen: Ein Macher ist plötzlich ein Abhängiger geworden. Etwa 40 Prozent aller Betroffenen entwickeln eine Post Stroke Depression, also eine Depression nach dem Schlaganfall. Wichtig ist, dass diese erkannt und behandelt wird, denn Motivation und aktive Mitarbeitet des Patienten sind mitentscheidend für den Erfolg der Reha.



Was bedeutet die Situation für Angehörige?

Dr. Alexander Hemmersbach: In unserem Verständnis sind auch Angehörige Betroffene. Deshalb ist es heute unser Ansatz, Patienten und bei Bedarf eben auch Angehörige gemeinsam in den Fokus zu nehmen, sie gehören zusammen wie im Leben. Wir schulen Angehörige frühzeitig, um sie auf den späteren Alltag vorzubereiten. In unserer Klinik gibt es beispielsweise ein Projekt Probewohnen, bei dem Angehörige für einzelne Tage und Nächte mit dem Patienten in der Klinik zusammen sind, um in geschützter Umgebung mit der veränderten Situation vertraut zu werden. Angehörige stark zu machen, ist ein wichtiges Ziel. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass wir zeigen, wie man richtig vorgeht, um sich zum Beispiel Hilfe im Internet zu holen. Das ist, nicht nur für ältere Angehörige, ja teilweise noch Neuland.



Was können Betroffene hoffen?

Dr. Alexander Hemmersbach: Im Kern des Reha-Prozesses stehen Physiotherapie zur Förderung der Mobilität, klinische Linguistik/Logopädie gegen Sprach-, Sprech-  und Schluckstörungen und Ergotherapie, um Alltagsanforderungen zu bewältigen. In der Neuro-Rehabilitation gibt es interessante Entwicklungen, wir gehen auch höhere kognitive Leistungen mit Zuversicht an. Wir können Konzentration und Ausdauer trainieren bis hin zum Wiedererlernen des Autofahrens, das ja ein Extrembeispiel für Anforderungen an die Aufmerksamkeit darstellt. Bei all diesen Dingen ist uns die veränderte Sichtweise nützlich: Wir betrachten den Kontext, die sozialen Strukturen des Betroffenen und finden dort die Ansätze. So haben wir einen anderen Blick auf den Menschen gewonnen - ganzheitlich könnte man sagen, wäre das Wort nicht so abgegriffen. Die Rehabilitation ist heute ein großartiges teamorientiertes Arbeiten, Ergotherapeuten schließen sich mit Neurophysiologen kurz, die Pflege und der Sozialdienst mit den Physiotherapeuten, alle Beteiligten schauen aufeinander und arbeiten interdisziplinär Hand in Hand.

Herr Dr. Hemmersbach, wir bedanken uns für diese ermutigenden Perspektiven.


Link-Tipps für Perspektiven

Mehr über die Leistungen des Rehabilitationszentrums der Johanniter-Ordenshäuser Bad Oeynhausen unter Leitung von Dr. Hemmersbach finden Sie unter www.ahb-klinik.de.

Informationen über das Modellprojekt „Schlaganfall-Lotse“ gibt die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe unter www.schlaganfall-hilfe.de/lotsen.

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