„Nicht an jeder Ecke lauern schlechte Menschen!“ - Interview (Teil 1)

Wenn Kinder in die Schule kommen, beginnt auch für Eltern eine neue Zeitrechnung. Vor allem, weil es bedeutet, loszulassen und Kinder ihre eigenen Wege gehen zu lassen ‒ auch ohne die schützende Begleitung ihrer Eltern. Die Angst vor Unfällen ist etwas, dem man mit Verkehrsschulungen und gemeinsamem Üben viel entgegensetzen kann. Aber viele Eltern fühlen sich dem mulmigen Gefühl ausgeliefert, jemand könnte dem Kind auf dem Weg etwas Böses wollen. Die AXA Kindersicherheitsinitiative hat dazu mit dem Kindersicherheitstrainer Holger Schumacher gesprochen:

Herr Schumacher, was sagen Sie einer Mutter, die Angst hat, ihr Kind alleine auf die Straße zu lassen?

Eigentlich gilt dasselbe wie für den Straßenverkehr. Wenn mein Kind Spielregeln gelernt hat, wie es sich draußen auf der Straße oder vor dem Haus zu verhalten hat, hätte ich kein Problem damit. Wir wollen doch unsere Kinder stärken, dafür müssen wir sie auch mal ziehen lassen.

Viele Eltern begleitet die Angst vor einer Entführung, auch wenn sie wissen, dass das Risiko  tatsächlich verschwindend gering ist. Im Straßenverkehr oder sogar zuhause in den eigenen vier Wänden ist die Gefahr viel größer, dass meinem Kind etwas passiert. Aber schlecht geschlafen wird meistens trotzdem aus diffuser Angst vor dem bösen Menschen.

Meine tiefste Überzeugung ist: Das Leben ist schön und nicht an jeder Ecke lauern schlechte Menschen! Das sollten Eltern verinnerlichen und auch ihren Kindern vermitteln.

Was sind das für Spielregeln von denen Sie sprechen? Was kann Eltern zum einen die Angst nehmen und zum anderen tatsächlich das Risiko minimieren, dass etwas passiert?

Es ist nicht die Idee mit keinem Fremden mitzugehen. Das ist nett gemeint, versteht aber kein Kind. Wie soll ich auch erklären, wer „fremd“ ist und wer nicht? Was ist mit dem Nachbarn, den ich immer mal wieder im Hausflur sehe? Was ist mit dem Mann, der meine Mutter im Supermarkt gefragt hat, wo die Getränke stehen? Viel wichtiger ist für ein Kind zu wissen, mit wem es mitgehen darf.

Ich empfehle, mit meinem Kind eine Liste zu machen mit den Namen der Personen, mit denen es mitfahren oder mitgehen darf. Wer schreiben kann, schreibt die Namen selbst auf. Wer noch nicht schreiben kann, malt die Personen unter die Namen oder klebt Fotos auf. Mit allen, die auf der Liste stehen, darf das Kind mitgehen. Wenn jemand nicht auf der Liste steht, das Kind aber auffordert mit ihm zu gehen, heißt die Antwort „ Nein“ und das Kind geht weg. Da gibt es dann keinen Zweifel und keine Diskussion.

Was halten Sie von einem sogenannten Geheim-, Pass- oder Codewort?

Wenn jemand das Kind abholen muss, der nicht auf der Liste steht, ist das eine gute Ergänzung. Aber es macht wirklich nur Sinn, wenn man sich an drei Regeln hält:

1.    Das Passwort ist das größte Familiengeheimnis. Das Kind darf es niemandem verraten und auch die Eltern nennen es nur der Person, die nicht auf der Liste steht und das Kind trotzdem abholen soll.

2.    Die Person, die das Kind mitnehmen will, muss das Wort von sich aus nennen. Das Kind darf nicht nach dem Passwort fragen. Denn Täter sind nicht dumm, und können ein Gespräch entsprechend lenken und manipulieren. Die Person muss von alleine darauf kommen, dass er das Wort zu nennen hat.

3.    Das Geheimwort wird nur einmal genutzt und danach neu bestimmt. Am besten schreibt man es gemeinsam auf und hängt es verdeckt an die Pinnwand.

Gerade bei Grundschülern ist es gut, eine ganze Geschichte drumherum zu stricken: Das Geheimwort muss gefunden werden. Und man findet es nur im Dunkeln, im Wohnzimmer, bei Kerzenschein, mit einer Tasse Kakao. Vorher pirscht man mit der Taschenlampe ums Haus, um sicher zu sein, dass auch wirklich niemand zuhört. Und dann wird das Wort flüsternderweise gefunden. Lernen durch Spaß ist dabei der Hintergedanke. Die Suche muss für Kinder toll und spannend sein, dann prägt sich das Wort auch gut ein.

Mit Liste und Passwort ist mein Kind schon ziemlich sicher unterwegs. Und vor allem weiß es, wie es sich verhalten soll.

Sollte ich meinem Kind erklären, wovor ich Angst habe oder weshalb wir diese Regeln aufstellen?

Ich finde, Kinder sollten die Chance haben, frei und unbeschwert groß zu werden. Wenn ich von bösen Menschen und entführten Kindern erzähle, schüre ich Ängste. Wie entspannt geht mein Kind danach vor die Türe? Was meinen Sie, wie die vielen Gruselgeschichten entstehen, die jeder kennt. Die Geschichten von den Fremden, die Kinder vor der Schule oder im Wohngebiet ansprechen. Mit Sicherheit hat nur ein Bruchteil tatsächlich einen zweifelhaften Hintergrund. Aber auch unter Kindern macht sich schnell ein diffuses Gefühl breit, sie bekommen Panik. Und so wird in ihren Augen jeder Mensch, der vielleicht nur ganz harmlos fragt, wie es in der Schule war, zum schlechten Menschen.

Wenn Kinder fragen, warum wir die Regeln aufstellen, gibt es für mich eine kurze knappe Antwort: „Es gibt einfach Spielregeln, die ich wichtig finde, und deshalb hältst Du Dich bitte daran.“ Die Regeln muss ich mit meinem Kind nicht durchdiskutieren. Es hat sich einfach daran zu halten. Wenn mich Kinder in den Seminaren konkreter fragen, warum Menschen Kinder mitnehmen, antworte ich „Einige dieser Erwachsenen glauben, den Kindern damit was Gutes zu tun. Der Mensch kann sich gar nicht vorstellen, dass das für das Kind doof ist. Was da im Detail passiert, weiß ich nicht, weil ich nicht dabei war. Aber viel wichtiger ist ja, dass wir darüber reden, dass das gar nicht erst passiert, oder?“ Mehr braucht man nicht zu sagen. Es geht darum zu stärken, nicht Angst zu machen. Es reicht doch, wenn schon die Eltern schlecht schlafen.

Zu Teil 2

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Zur Person:
Holger Schumacher ist Gründer und Geschäftsführer der WO-DE Sicherheitsschulungen und Mitglied im Beirat der AXA Kindersicherheitsinitiative. Seit über 25 Jahren gibt der ehemalige Angehörige von Polizei-Spezialeinheiten bundesweit Kurse für Kinder und Jugendliche. In Kooperation mit AXA haben bereits über 1.600 Kinder in solchen Kursen gelernt, sich auch in unangenehmen Situationen zu behaupten.

#ichkanndassschonalleine – die Kampagne der AXA Kindersicherheitsinitiative

Es ist toll, wenn Kinder ihre Eigenständigkeit entdecken. Aber im Alltag kann das einen auch ganz schön fordern, weil man entscheiden muss: Traue ich das meinem Kind zu? Was kann passieren? Ist das Risiko vertretbar?

Die meisten Eltern sind sich einig, dass es weder gut ist, sein Kind in Watte zu packen, noch das Gegenteil. Aber wie findet man das richtige Maß? In unseren Interviews für den AXA Kindersicherheitsreport hat sich gezeigt, dass das ein großes Thema für Eltern ist. Mit unserer Kampagne wollen wir Eltern unterstützen, bewusst und selbstbewusst zu entscheiden. Wer kennt ein Kind schon besser als Mutter oder Vater? Wer seinen Nachwuchs im Alltag beobachtet, kann in der Regel gut einschätzen, was man ihm zutrauen kann ‒ mit gesundem Elternverstand sozusagen.

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