„Eltern, traut Euren Kindern was zu!“ - Interview (Teil 2)

Eltern können viel dafür tun, dass ihre Kinder auch ohne ihre Begleitung selbstbewusst und sicher unterwegs sind. Davon profitieren letztlich auch sie selbst, denn es hilft gegen das mulmige Gefühl. Kindersicherheitstrainer Holger Schumacher gibt in Teil 2 unseres Gesprächs Tipps, was Eltern mit ihren Kindern üben können.

Herr Schumacher, können Kinder erkennen, wenn ihnen jemand etwas Schlechtes will?

Kinder haben keinen Erfahrungsschatz, aus dem sie schöpfen können. Das läuft über das Bauchgefühl. Man sieht Menschen ja auch nicht an, ob sie gut oder schlecht sind. Ich sage den Kindern: „Wenn jemand vor dir steht und dir Angst macht, heißt das nicht, dass das ein schlechter Mensch ist. Es heißt nur, dass du vorsichtig bist. Spielst du also im Garten und jemand steht am Zaun und kommt dir komisch vor, dein Bauch fängt an zu kribbeln, dann gehst du rein, holst Mama und Papa und lässt sie das klären.“

Wie kann ich verhindern, dass jemand mein Kind manipuliert und zu sich lockt?

Wenn etwas passiert, dann tatsächlich meist, weil Kinder angelockt wurden. Zugängliche Kinder sind deutlich gefährdeter als Kinder, die von vorneherein abweisend oder zurückhaltend sind.

Wir haben ja schon über die Liste und ein ergänzendes Passwort gesprochen. Eine weitere wichtige Spielregel für Kinder ist, draußen nichts von anderen Menschen anzunehmen, außer es ist mit Mama oder Papa abgesprochen. Denn wenn ich etwas angenommen habe, habe ich das Bedürfnis auch etwas zurückzugeben. Das ist uns Menschen angeboren. Und genau das nutzen Menschen aus.

Also müssen Kinder verinnerlichen: An Geschenke und Belohnungen dürfen niemals Forderungen, Bedingungen oder Verpflichtungen geknüpft werden. Ein Mensch darf niemals etwas für ein Geschenk zurückverlangen. Denn dann war es kein Geschenk, sondern ein Trick, um mich reinzulegen. Wenn Kinder das erfassen und verinnerlichen, fällt es ihnen leichter „nein“ zu sagen und wegzugehen.

Mit welchen Sorgen kommen Eltern zu Ihnen, welche Themen werden immer wieder angesprochen?

Es ist schon meistens die diffuse Angst, jemandem könnte meinem Kind etwas Böses wollen, es entführen. Eine ganz typische Frage ist zum Beispiel die nach dem sichersten Schulweg: die belebte Strecke an der Straße entlang oder die Strecke durch den Kleingartenverein? Meine Antwort ist eindeutig: wenn mein Kind weiß, wo und wie es Hilfe bekommen kann, dann soll es auf jeden Fall durch den Kleingartenverein gehen. Denn die Gefahr, dass es an einer vielbefahrenen Straße in einen Verkehrsunfall verwickelt wird, ist schließlich um ein Vielfaches höher als die, dass jemand meinem Kind etwas Böses will.
 
In jedem Fall sollte man die Wege, die das Kind alleine gehen darf, gemeinsam ablaufen und  besprechen, wo könnte es auf der Strecke Hilfe bekommen? Gibt es Geschäfte, wohnen Bekannte auf dem Weg, gibt es eine Polizeiwache oder andere Anlaufpunkte?
 
Und auch um Hilfe zu bitten, kann man üben. Denn wenn sie sich an einem festen Muster entlang hangeln können, fällt es Kindern leichter, mit Situation, in denen sie sich unwohl fühlen, umzugehen.

Welches Muster meinen Sie?

Nachdem sich das Kind gezielt Hilfe gesucht hat, sind es fünf gelernte Sätze, mit denen es um Hilfe bittet: (1) „Bitte helfen Sie mir.“,(2) „Ich habe Angst.“. Dann erzählen die Kinder ihre „Geschichte“ (3), erklären also was los ist. Und fahren dann fort mit (4) „Bitte rufen Sie meine Eltern an.“ Wenn ihnen nicht sofort geholfen wird, können sie ruhig mit Nachdruck danach verlangen: (5) „Ich bestehe darauf, dass sie mir helfen!“.  Dazu müssen sie die Handynummer von Mutter oder Vater auswendig lernen. Für den Schulweg kann man zum Beispiel auch die drei wichtigsten Telefonnummern auf der letzten Seite des Hausaufgabenhefts notieren.

Wie erleben Sie Eltern heute? Sind Eltern heute ängstlicher als noch vor ein paar Jahren?

Ich gebe seit 25 Jahren Seminare für Kinder und Jugendliche. Ich glaube nicht, dass Eltern heute ängstlicher sind als früher. Viele Eltern kommen zu mir, weil sie ihre Kinder bewusst stärken wollen. Aber Kinder sind oft viel tougher als ihre Eltern denken. Sie werden oft unterschätzt und können eigentlich viel mehr als ihre Eltern ihnen zutrauen. In meinem Kurs sehe ich immer wieder, wie auch unsichere Kinder es schaffen, sich in Rollenspielen step by step an den Strategien entlang zu hangeln und sich aus Situationen herauszuarbeiten. Das finde ich wirklich beeindruckend.

Es gibt ein Bild, an das ich in meinen Kursen immer wieder denken muss. Es war Winter, ein Sonntagmorgen. In einem kleinen Ort liefen zwei Kinder Hand in Hand auf dem Fußweg, ein Mädchen, ich schätze sieben Jahre alt und ihr kleinerer Bruder, so vier oder fünf. Offensichtlich wollten sie zum Bäcker einkaufen gehen. Das war so ein schönes Bild und ich dachte mir: ja, lasst Eure Kinder mal wieder ziehen! Wie stolz werden die Zwei zuhause ankommen. Denen hat man was zugetraut. Das ist toll! Das wünsche ich mir.

Zu Teil 1

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Zur Person:
Holger Schumacher ist Gründer und Geschäftsführer der WO-DE Sicherheitsschulungen und Mitglied im Beirat der AXA Kindersicherheitsinitiative. Seit über 25 Jahren gibt der ehemalige Angehörige von Polizei-Spezialeinheiten bundesweit Kurse für Kinder und Jugendliche. In Kooperation mit AXA haben bereits über 1.600 Kinder in solchen Kursen gelernt, sich auch in unangenehmen Situationen zu behaupten.

#ichkanndassschonalleine – die Kampagne der AXA Kindersicherheitsinitiative

Es ist toll, wenn Kinder ihre Eigenständigkeit entdecken. Aber im Alltag kann das einen auch ganz schön fordern, weil man entscheiden muss: Traue ich das meinem Kind zu? Was kann passieren? Ist das Risiko vertretbar?

Die meisten Eltern sind sich einig, dass es weder gut ist, sein Kind in Watte zu packen, noch das Gegenteil. Aber wie findet man das richtige Maß? In unseren Interviews für den AXA Kindersicherheitsreport hat sich gezeigt, dass das ein großes Thema für Eltern ist. Mit unserer Kampagne wollen wir Eltern unterstützen, bewusst und selbstbewusst zu entscheiden. Wer kennt ein Kind schon besser als Mutter oder Vater? Wer seinen Nachwuchs im Alltag beobachtet, kann in der Regel gut einschätzen, was man ihm zutrauen kann ‒ mit gesundem Elternverstand sozusagen.

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