Der Gepäckträger ist kein Kindersitz

Gastbeitrag von Kinderchirurgin Dr. Stefanie Märzheuser

Nur schnell hinten drauf, die Strecke ist schließlich nicht lang. Das denken sich viele Eltern und nehmen ihr Kind ab und zu ohne Sicherung hinten auf dem Gepäckträger mit. Doch schon ein kleiner Schlenker genügt und der Fuß gerät in die Speichen, weiß unsere Gastautorin und Kinderchirurgin Dr. Stefanie Märzheuser.



Moritz ist sieben Jahre alt. Er kann alleine Fahrradfahren, aber manchmal findet sein Vater, dass es einfacher ist und schneller geht, wenn er Moritz auf seinem Fahrrad mitnimmt. Moritz sitzt dann, ohne Kindersitz hinten auf dem Gepäckträger. Seine Füße streckt er zu den Seiten weg und hält sich an seinem Vater fest.
 
An dem Tag, an dem ich Moritz und seinen Vater kennenlernte, hatten die beiden diese Art von Huckepack-Transport gewählt. Als das Fahrrad in einer Kurve ins Schlingern geriet,  konnte Moritz das Gleichgewicht nicht halten und kam mit dem Fuß in die Speichen. Vater und Sohn sind schmutzig, aufgeregt und schuldbewusst als sie in die Rettungsstelle kommen.
 
Moritz erhält ein starkes Schmerzmittel, dann ziehen die Schwestern ihm vorsichtig Schuhe und Hose aus. Ich sehe den typischen Befund einer Fahrradspeichenverletzung. Es ist nahezu immer die Außenseite des Sprunggelenks betroffen. Der Knöchel ist stark geschwollen. Die Verletzung betrifft hauptsächliche die Weichteile. Das Gewebe ist dunkel rot und blau verfärbt, auch die Ferse ist unterblutet und schmerzhaft. Die Verletzung entsteht durch eine Abscherbewegung, bei der die Weichteile gewaltsam von der Unterlage abgelöst werden. Die Blutgefäße reißen und es kommt zu einer Blutung in die Muskulatur und unter die Haut. Meist findet sich keine offene Wunde. Diese Verletzungen sind tückisch, weil sie schlecht heilen. Das Hauptproblem liegt in der Tiefe und nicht an der Hautoberfläche.
 
Wir veranlassen ein Röntgenbild des Unterschenkels und stellen fest, dass Moritz keine knöcherne Verletzung hat. Das ist gut. Wir reinigen die verletzte Region und verbinden die Verletzung. Anschließend stellen wir den Unterschenkel in einem Gipsschienenverband ruhig und vereinbaren weitere Kontrolltermine, damit wir reagieren können, falls die Gewebezerstörung so schwer sein sollte, dass doch noch eine Operation erforderlich wird.
 
In Moritz´ Fall bin ich optimistisch, dass die Verletzung ohne weitere Hilfe heilen wird. Damit solche Unfälle gar nicht erst entstehen, sollten Eltern von der Gepäckträger-Methode absehen, auch wenn es manchmal bequem erscheint. Moritz findet nach dem Unfall sowieso, dass er viel besser alleine Fahrradfahren kann.

Zur Autorin

Dr. Stefanie Märzheuser ist Kinderchirurgin an der Charité in Berlin und Präsidentin der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V. Als Vorsitzende des Beirats begleitet sie die AXA Kindersicherheitsinitiative seit ihrem Beginn in 2013. Selbst Mutter von drei Kindern, kennt sie die Herausforderungen des Elternseins aus dem eigenen Alltag.