Der Mensch, ein Tragling

Erst 1970 wurde ein dritter Typ in der Säugetierreihe definiert: der Tragling. Anders als Nesthocker ist er abhängig von der ständigen Nähe zur Mutter. Ein Gespräch mit Verhaltensbiologin und Autorin Dr. Evelin Kirkilionis über das natürliche Bedürfnis von Babys, getragen zu werden.
Katzen tragen ihre Jungen an der Nackenfalte, Känguru-Eltern haben den Beutel eingebaut – und wir Menschen?
 
Früher haben wir auch in Deutschland unsere Kinder in Tüchern oder Körben getragen, es wurde nur vergessen. Zum einen hatte es den Touch des Armen, zum anderen war es in der Nazizeit verpönt. Mütter wurden beraten, Körperkontakt zu vermeiden, weil dieser verweichliche. Schon die Kleinsten galt es zu disziplinieren und zu erziehen, sie sollten schon vom ersten Tag an lernen, wie die Welt funktioniert. Völliger Unsinn! Man kann Kinder im ersten Lebensjahr nicht mit zu viel Körperkontakt verwöhnen. Der Mensch ist kein Nesthocker oder Nestflüchter, sondern ein Tragling und somit verhaltensbiologisch auf die Nähe zu den Eltern angewiesen. Körpernähe ist ein entscheidendes Grundbedürfnis und elementar, um eine sichere Bindung aufzubauen.

Was für Erfahrungen machen Sie? Ist das Tragen bei uns und im Ausland ein Trend?


Ja, bei uns und in anderen europäischen Ländern, wie Frankreich, Italien, Finnland oder Norwegen nimmt es zu. Wir gehen inzwischen sehr viel bewusster mit der Frage um, was dem Kind guttut und was seine Bedürfnisse sind. In Thailand scheint weniger getragen zu werden, zumindest in Tragehilfen, man trägt ein Kind vielmehr auf dem Arm. Zumindest in den Städten habe ich nur vereinzelt Mütter mit umgebundenen Babys gesehen. In Afrika – wobei es „das“ Afrika nicht gibt – gilt das Tragen leider oft als nicht fortschrittlich, es sind eher die Lebensumstände, die es erforderlich machen.

Für Mütter liegt der Vorteil auf der Hand – das Baby ist beruhigt, immer dabei und die Hände sind trotzdem frei. Welche Vorteile hat das Tragen denn für Babys?


Das Tragen erlaubt Babys die intensivste Wahrnehmung der Eltern über Körperkontakt und Bewegung. Beides sind die am stärksten beruhigenden Signale. Es werden aber auch fast alle Sinnesorgane des Kindes angeregt: es nimmt den Geruch der Eltern war, was ungemein beruhigt, es hört den Herzschlag, es fühlt die Wärme des Körpers und optisch nimmt es die Mimik der Eltern und Reize der Umgebung war. Durch die elterlichen Reaktionen lernt es die Welt besser einzuschätzen. Nebenbei werden durch die Bewegung der Eltern die Muskeln des Kindes stimuliert.
Übrigens ist das Tragen für Eltern auch mehr als nur eine Hilfe, den Alltag mit Kind zu bewältigen. Auch für sie ist es eine Chance, eine emotionale Bindung aufzubauen, empfänglicher für die Signale ihres Kindes zu werden und schneller darauf zu reagieren. Das sollte man nicht unterschätzen.

Ab wann kann man sein Kind tragen und auf was muss man achten?


Sobald man sich selbst wohl dabei fühlt! Tatsächlich macht es Sinn, früh anzufangen. Wenn man erst nach einem halben Jahr beginnt, ist so ein Kind schon ganz schön schwer und der eigene Körper ist die Belastung nicht gewöhnt. Es gibt auch Kinder, die es dann verweigern, weil sie es nicht kennen.
Wichtig ist, auf die richtige Haltung des Kindes zu achten. Die Oberschenkel sollten etwa 90 Grad gespreizt sein. Das, kombiniert vor allem mit einem Anhockwinkel von 100 bis 110 Grad ist die ideale Stellung und die beste Prophylaxe gegen Hüftgelenksschäden. Außerdem müssen der Rücken und das Köpfchen des Kindes gut stabilisiert sein. Ob Tragetuch oder Tragesystem – sofern die Haltung stimmt ist diese Frage für mich nicht so wichtig. In jedem Fall sollte das Gesicht des Kindes den Eltern zugewendet sein.

Warum sollen Kinder der Welt den Rücken zudrehen?


Selbst wenn die Ergonomie stimmt – und das ist beim Tragen mit Blick nach vorne oft nicht der Fall  – die Orientierung nach außen nimmt dem Kind die Chance, sich den Eltern zuzuwenden und Blickkontakt aufzunehmen. Es wird schnell zu viel und die Kinder können sich dann nicht abwenden. Die Eltern wiederum sehen das Gesicht und damit auch die Signale ihres Kindes nicht. Besser ist es, ein neugieriges Kind auf der Hüfte oder – ein älteres Kind – auf  dem Rücken zu tragen. Dann kann sich das Kind eigenständig der Welt oder den Eltern zuwenden und sich anlehnen, wenn es müde wird und einschläft.

So dicht am Körper der Eltern – besteht da nicht die Gefahr des Erstickens oder des Überhitzens?


Tatsächlich drücken Kinder häufig ihre Nase in den Pullover von Mutter oder Vater hinein. Vermutlich können sie so den Geruch noch stärker wahrnehmen. Vielleicht ist auch die Berührung in der Stirnregion besonders angenehm und beruhigend – wir Erwachsene kennen das von Massagen. Möglicherweise ist es auch einfach bequemer gerade zu sitzen als immer den Kopf zur Seite geneigt zu haben. Ob ein Kind aufrecht am Körper sitzt oder zum Beispiel im Kinderwagen liegt, macht für die Sauerstoffsättigung im Blut allerdings keinen Unterschied, das zeigen Studien.
Was die Temperatur betrifft, regelt die Natur das sehr gut: vorausgesetzt das Kind ist nicht dick eingepackt, reagiert der Körper der Mutter bei direktem Hautkontakt wie ein Thermostat. Er sorgt ununterbrochen dafür, dass die Temperatur stimmt. 

Gerade im Winter stellt sich die Frage, was man seinem Kind anzieht. Im Kinderwagen lässt sich leichter mal etwas ausziehen oder öffnen, wenn es zu warm wird…


Ich empfehle, das Kind im Prinzip normal anzuziehen wenn es im engen Körperkontakt getragen wird und dann mit unter den eigenen warmen Wintermantel zu nehmen. Das ist die sicherste Variante. Hierfür gibt es inzwischen auch ganz gute Lösungen zu kaufen. Die Füßchen sollten aber regelmäßig kontrolliert werden, ob sie noch warm sind.

Wann ist es an der Zeit, mit dem Tragen aufzuhören?

 
Wenn man selber körperlich nicht mehr dazu in der Lage ist. Kinderwagen oder ähnliches sind immer legitim! Wissen Sie, ich halte nichts von Ideologien. Eltern, die nicht tragen sind keine schlechten Eltern. Es gibt viele Möglichkeiten, Kindern den nötigen Körperkontakt zu geben. Das Tragen macht es nur leichter. Und man kann auf diese Weise schon im normalen Alltagsgeschehen große Portionen Nähe abgeben. Das ist einfach praktisch. Aber wenn man nicht trägt, kann man das genauso an anderer Stelle nachholen.
 

Dr. Evelin Kirkilionis, geb. 1952, ist Humanethologin und Mitbegründerin der selbstständigen Forschungsgruppe „Verhaltensbiologie des Menschen“. Als Autorin u.a. des Klassikers „Ein Kind will getragen sein“ und als Leiterin von Workshops und Fortbildungen gibt sie ihr Wissen an Eltern weiter.