DIE KINDERNOTAUFNAHME: Loch im Kopf

Gastbeitrag der Kinderchirurgin Dr. Stefanie Märzheuser

Beim Toben und Spielen im Haus kommt es häufig zu Kopfverletzungen. Nicht immer kann man selbst erkennen, ob eine Wunde genäht werden muss. In solchen Fällen führt kein Weg daran vorbei, das nächste Krankenhaus aufzusuchen. So wie bei Mia.



Es ist früher Abend. Die Geschwister Jan, fünf Jahre, und Mia, sieben Jahre, spielen im Kinderzimmer. Die Kinder haben schon den ganzen Nachmittag getobt und sind aufgedreht und müde zugleich. Als der Vater aus der Küche zum Abendessen ruft, rennen beide gleichzeitig los. Mia ist schneller, aber sie rutscht auf ihren Socken aus und prallt mit dem Kopf seitlich gegen die Heizung im Flur. Es gibt einen unangenehm dumpfen Ton und Sekunden später läuft rotes Blut über Mias helle Haare. Einen Moment lang ist sie sprachlos, dann fängt sie an zu schreien. Jan starrt seine große Schwester entsetzt an und ruft aufgeregt nach dem Vater.


Ruhe bewahren ist das oberste Gebot

Von dem Lärm alarmiert, kommt Mias Vater aus der Küche und sieht sofort, was passiert ist. Mia hat ein „Loch im Kopf“. Der Vater muss ganz schön schlucken, denn die Verletzung, aus der immer noch Blut tropft, sieht gefährlich aus. Doch er behält die Nerven. Er holt den Verbandkasten und nimmt eine Kompresse, befeuchtet sie mit kühlem Leitungswasser und drückt sie beherzt auf die Wunde. Mia schluchzt immer noch, aber die Sicherheit, mit der ihr Vater sich um sie kümmert, beruhigt sie.
 
Nach ein paar Minuten Drücken nimmt der Vater vorsichtig die Kompresse von der Wunde. Mia hat eine drei Zentimeter lange, klaffende Platzwunde am Hinterkopf zwischen den Haaren. Zum Glück hat die Wunde dank des leichten Drucks erstmal aufgehört zu bluten. Mias Vater wickelt ihr trotzdem einen dicken Verband um den Kopf und sie fahren gemeinsam mit dem Bruder zu uns in die Kindernotaufnahme.


Nähen ist oft nicht nötig

Bei der Anmeldung in unserer Kinderrettungsstelle fragt die Krankenschwester, wie stark die Wunde denn geblutet habe. Jan berichtet aufgeregt, der ganze Boden sei voller Blut gewesen.
 
Wir geben Mia zunächst ein Schmerzmittel. Dann wird sie auf die Untersuchungsliege gehoben. Als das Schmerzmittel wirkt, öffnet eine unserer Krankenschwestern den Verband. Die Blutung steht, aber um die Wunde gut beurteilen zu können, müssen die Haare rings um die Verletzung abrasiert werden. Mia schaut interessiert zu wie ihre blonden Locken rund um die Wunde herum mit dem Rasierer gestutzt werden.
 
Ich schaue mir die Verletzung an. Die Wundränder sind glatt und die Wunde ist nicht sehr tief. Wie fast immer bei dieser Art von Unfällen, reicht das „Loch im Kopf“ nicht bis an den Schädelknochen heran. Also reinigen wir die Wunde vorsichtig und verschließen sie mit einem Gewebekleber. Zusätzlich wird sie mit Klammerpflastern gesichert.


Gehirnerschütterung ausschließen

Außerdem kontrollieren wir Mias Impfbuch, das ihr Vater noch schnell eingesteckt hatte. Sie ist ausreichend gegen Tetanus geimpft und vor der Krankheit geschützt. Eine neue Impfung können wir ihr also ersparen.
 
Obwohl Mia sich nach der Gabe des Schmerzmittels und der Versorgung der Wunde besser zu fühlen scheint, ist ihr Vater besorgt. Wie soll er erkennen, ob eine Gehirnverletzung vorliegt? Diese Sorge versuchen wir ihm zu nehmen. Mia wird gründlich auf Anzeichen einer Gehirnerschütterung untersucht. Dazu gehört, ihr in die Augen zu schauen, um die Pupillenreaktion zu prüfen, die Ohren auf Blutungszeichen zu kontrollieren und zu beobachten, ob Mia sich auffällig verhält.
Eine Gehirnerschütterung oder eine Gehirnverletzung rufen Symptome hervor. Die Kinder sind schläfrig, benehmen sich anders als sonst, klagen über starke Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit. Viele Kinder erbrechen sich nach dem Unfall mehrfach. Treten diese Krankheitszeichen nicht auf, können Eltern davon ausgehen, dass das „Loch im Kopf“ die einzige Folge des Sturzes ist.
 
Solche Kopfplatzwunden wie bei Mia sehen wir sehr häufig – es ist eine typische Verletzung bei Kindern. Weil sie gerade am behaarten Kopf stark bluten, ist der Schreck oft groß und es entsteht schnell der Eindruck einer dramatischen Verletzung.


In Kürze – Richtiges Verhalten bei stark blutenden Kopfverletzungen

  • Bewahren Sie Ruhe und beruhigen Sie Ihr Kind.
  • Wichtig bei Wunden: Arbeiten Sie sauber.
  • Kalte, feuchte, nicht fuselnde Tücher auf die Wunde drücken, bis die aktive Blutung aufhört.
  • Haben Sie Mut. Schauen Sie sich die Verletzung an. Oft ist die Wunde nicht so schlimm wie zunächst vermutet.
  • Falls die Wunde klafft und Ihnen tief erscheint, decken Sie die Wunde sauber ab (es muss kein Verband sein) und fahren Sie ins Krankenhaus. Der Kinderarzt kann Wunden nicht kleben oder nähen.
  • Prüfen Sie bei wachem Kind die Bewusstseinslage durch einfache Fragen, die dem Alter des Kindes angemessen sind.
  • Bei Bewusstlosigkeit auf die Uhr sehen, um die Zeitdauer festzuhalten. Durch die Aufregung erscheinen Sekunden wie Minuten.
  • Fängt das Kind an sich zu erbrechen, halten Sie die Atemwege frei.
  • Ist das Kind verwirrt, schläfrig und dämmert vor sich hin oder lässt sich eine Blutung aus einer Kopfplatzwunde nicht stillen, rufen Sie den Notruf 112.

Zur Autorin

Dr. Stefanie Märzheuser ist Kinderchirurgin an der Charité in Berlin und Präsidentin der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V. Als Vorsitzende des Beirats begleitet sie die AXA Kindersicherheitsinitiative seit ihrem Beginn in 2013. Selbst Mutter von drei Kindern, kennt sie die Herausforderungen des Elternseins aus dem eigenen Alltag.