DIE KINDERNOTAUFNAHME: MAGNETO

Gastbeitrag von Kinderchirurgin Dr. Stefanie Märzheuser

"Es gibt Klassiker, die man beinahe täglich in der Kindernotaufnahme sieht. Und dann gibt es Fälle, die auch uns Kinderchirurgen seltener begegnen. Wie der des fünfjährigen Julius auf der Suche nach den Superkräften…"



Welches Kind wünscht sich nicht, Superkräfte zu haben? Eher selten dürfte die Verehrung einer Comicfigur allerdings in die Notaufnahme führen. So wie beim fünfjährigen Julius. Ihm hatte es der Superschurke aus X-Men besonders angetan.
 
Auf den ersten Blick schien Julius nichts zu fehlen. Allerdings steckte er mitten in einem Experiment: Er wollte magnetisch werden. Nachdem er einen ersten Magneten gegessen hatte, trat aber keine Wirkung ein. Also aß er sieben weitere. Während sein Vater angesichts der Fremdkörper im Bauch seines Sohnes durchaus beunruhigt in unserer Notaufnahme saß, schien Julius noch immer vielmehr der Gedanke zu beschäftigen, warum er das Metall trotzdem nicht wie „Magneto“ verbiegen konnte.



Leider hatte Julius nicht schon nach dem ersten Magneten aufgegeben. Das Röntgenbild zeigte, dass sieben der Magnete eine Kette im Bauch gebildet hatten. Der achte, wahrscheinlich der, den der Junge als erstes geschluckt hatte, war ein winziges Stück von den anderen im Magen entfernt. Und so bestand die Gefahr, dass Magen- oder Darmwand zwischen den Magneten eingequetscht wurde. Durch den Druck kann dann mit der Zeit ein Loch in der Magenwand entstehen, durch das Magensaft oder Stuhl in die Bauchhöhle geraten können. Also nahmen wir den Jungen stationär auf.
 
Am nächsten Morgen war nach einer zweiten Röntgenaufnahme klar: wir müssen operieren. Ein schwieriger Moment für Julius Eltern. Julius selbst betrachtete die Situation mit Gelassenheit, allerdings nur so lange, bis ihm ein Tropf gelegt wurde. Bei der OP entfernten wir alle acht Magnete. Sieben befanden sich im Magen, der achte, vermutlich der, den Julius als erstes geschluckt hatte, lag im Dickdarm. Durch die starken magnetischen Kräfte, waren Magen und Dickdarmwand aneinander gezogen worden. Durch den Druck war ein kleines Loch in der Darmwand entstanden, das wir schließen mussten.
 
Vier Tage nach der OP war Julius schon wieder fit genug, um aus dem Krankenhaus entlassen zu werden. Acht Magnete waren keine gute Mahlzeit, aber dass sein Experiment gescheitert war, war für ihn nach wie vor die größte Enttäuschung. Seine Eltern waren einfach nur erleichtert, dass es nochmal gut ausgegangen war.



Zur Autorin

Dr. Stefanie Märzheuser ist Kinderchirurgin an der Charité in Berlin und Präsidentin der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V. Als Vorsitzende des Beirats begleitet sie die AXA Kindersicherheitsinitiative seit ihrem Beginn in 2013. Selbst Mutter von drei Kindern, kennt sie die Herausforderungen des Elternseins aus dem eigenen Alltag.