„Kinder bewegen sich zu wenig“

Werner Schmidt, Leiter des Sportwissenschaftlichen Instituts an der Universität Duisburg-Essen und Herausgeber des 3. Kinder- und Jugendsportberichts im Interview

Sport ist das Lieblingshobby der meisten Kinder und Jugendlichen. Gleichzeitig klagen Ärzte über zunehmende Haltungsschäden, Koordinationsstörungen und Übergewicht bei Heranwachsenden. Wie kann man diese paradoxe Situation erklären?

Die Voraussetzungen dafür, dass Kinder sich im Alltag bewegen und regelmäßig Sport treiben, haben sich insgesamt verschlechtert. Das beginnt schon in den Kindertagesstätten. Dort verbringen Kinder im Schnitt mehr als sechs Stunden im Sitzen, sie bewegen sich weniger als 30 Minuten. Das allein ist der Gesundheit abträglich. In Skandinavien müssen sich Kindergartenkinder mindestens 2 Stunden am Tag bewegen. Wenn wir es hierzulande schaffen würden, wenigstens eine Stunde für Bewegung, Sport und Spiel in der Kita einzuräumen wäre schon viel gewonnen. In der Schule setzt sich diese Entwicklung dann leider fort. Der Sportunterricht kommt dort zu kurz. Es fehlen zum einen ausgebildete Sportlehrer und –lehrerinnen. Zum anderen fallen zu viele Sportstunden aus, weil etwa die Turnhallen und Leichtathletikanlagen häufig nicht in Schuss sind.




Das ist an sich nichts Neues. Der Schulsport wurde in Deutschland schon immer stiefmütterlich behandelt.

Neu ist aber, dass sich diese Entwicklung mit der offenen Ganztagsschule noch einmal deutlich verschlechtert hat. Im Durchschnitt ist der Sportunterricht von der ersten bis zur zehnten Klasse von drei auf zwei Stunden gekürzt worden. Sport soll jetzt am Nachmittag stattfinden, dann aber freiwillig und das funktioniert häufig nicht. Hinzu kommt, dass infolge der Pisa-Tests vor allem die kognitiven Fächer wie etwa Deutsch und Mathe ausgebaut wurden. Die musischen Fächer wie Kunst und Musik, aber auch der Sportunterricht, wurden demgegenüber vernachlässigt. Wir sind nicht  grundsätzlich gegen die Ganztagsschule, nur sollte den Kinder und Jugendlichen dort mehr Zeit und Raum für Sport und Bewegung gegeben werden.


Warum ist denn gerade der Schulsport so wichtig?

Qualifizierter Sportunterricht hilft Kindern dabei Spaß an der Bewegung und ein gutes Körpergefühl zu entwickeln. Je früher man damit beginnt desto besser. Defizite in jungen Jahren lassen sich später nicht mehr so leicht ausgleichen. Vor allem für Kinder aus sozial benachteiligten Familien, ist der Schulsport häufig die einzige Möglichkeit, unter fachkundiger Anleitung etwas für ihre körperliche Entwicklung zu tun.


Wie können Eltern verhindern, dass aus ihren Kindern Bewegungsmuffel werden?

Eltern müssen zunächst einmal selber verstehen, dass Bewegung und Spiel elementar für die körperliche und geistige Entwicklung des Kindes sind. Sämtliche kognitive Fähigkeiten, die Sprache und die Intelligenz bauen auf der Sensomotorik auf, also dem Zusammenspiel der körpernahen Sinne. Kleinkinder lernen die Welt durch Greifen, Fühlen und Ertasten kennen. Später kommen das Gehen, das Laufen und das Klettern hinzu. Wenn Kinder hier eingeschränkt werden, schadet das ihrer gesamten Entwicklung. Leider ist der Freiraum in dem sich Kinder ungestört bewegen können, also wilde Gärten, unbebaute Grundstücke usw. in den letzten Jahrzehnten stark geschrumpft, während der Straßenverkehr enorm gewachsen ist. Eltern sind hier gefordert, mit ihren Kindern öfter mal zum Schwimmen zu gehen, eine Fahrradtour zu machen oder einen Ausflug in die Natur zu unternehmen. Also raus aus den vier Wänden und gemeinsam etwas unternehmen. Mütter und Väter sind Vorbilder, auch in Punkto Sport und Bewegung.