Mit sieben Sinnen sicher durchs Leben – Der Tastsinn

Kuscheln, Tasten, Fühlen – mit den unzähligen Sinneszellen der Haut lernen Kinder die Welt im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen. Berühren und berührt werden ist ein menschliches Grundbedürfnis, das Babys instinktiv einfordern, denn es ist elementar für ihre Entwicklung.

Kinder müssen erst lernen, ihre sieben Sinne sicher zu gebrauchen. Sie verarbeiten äußere Reize und Einflüsse anders als Erwachsene. Das macht sich im Alltag und in Gefahrensituationen bemerkbar. In unserer Serie fassen wir wichtige Fakten zur Entwicklung der sieben Sinne bei Kindern zusammen.
 
 
 




Teil 4: Der Tastsinn


Mit viel Gefühl in den Fingerspitzen

In der menschlichen Haut sitzen Hunderte von Millionen unterschiedlicher Sinnesrezeptoren – stets empfänglich für alle möglichen Reize wie Druck, Berührung, Wärme oder Kälte. Besonders dicht ist das Geflecht aus Sensoren in den Lippen, der Zunge, den Fußsohlen und den Fingerspitzen. Deshalb stecken vor allem Kleinkinder, die mit ihren Händen noch nicht so geschickt sind, Sachen gerne in den Mund, um sie dort genauer zu erkunden.
 
Die Haut wirkt wie eine Schutzhülle: Ihre zahlreichen Sensoren sind wie Wachposten immer auf der Hut, um uns vor gefährlichen Veränderungen der Umweltbedingungen zu warnen. Aber in den in den ersten Lebensmonaten sind die Nervenleitungen noch nicht so gut entwickelt, daher spüren kleine Babys Schmerzen erst mit Verzögerung. Sie können also nicht sofort durch Schreien oder Zurückzucken anzeigen, wenn etwa das Badewasser zu heiß ist. Daher sollten Eltern die Wassertemperatur vorher mit einem Thermometer prüfen. Der AXA Kindersicherheitsreport, eine Studie zur Gefahrenwahrnehmung von Eltern, zeigt, dass viele Eltern die Gefahr durch heiße Flüssigkeiten unterschätzen: Bereits geringe Mengen können auf der dünnen Kinderhaut große Schäden anrichten. So reicht der Inhalt einer Tasse mit 50 Grad heißem Tee aus, um 30 Prozent der Körperoberfläche eines Säuglings zu verbrühen. Solche Verletzungen können schnell lebensbedrohlich werden, sind aber leicht zu vermeiden.
 
Wie grundlegend der Tastsinn für das Leben ist, zeigt die Tatsache, dass Menschen zwar blind oder taub geboren werden, aber niemals ohne Tastsinn. Die Sensoren in den Fingerkuppen sind so empfindlich, dass sie Oberflächenunterschiede von bis zu 0,006 Millimetern erkennen. Zum Vergleich: ein Punkt der Blindenschrift ist 167 Mal höher.


Die Haut denkt mit

Kinder machen sich einen Begriff von der Welt, indem sie ihre Umgebung mit den Händen ertasten.  Die Beschaffenheit und Qualität unterschiedlichster Dinge zu erspüren,  erleichtert ihnen später, auch abstrakte Ideen zu verstehen. Der Tastsinn hat daher maßgeblichen Anteil an der kognitiven Leistung. Studien haben gezeigt, dass Kinder, die früh mit Bauklötzen hantieren, später bessere Ergebnisse in der Mathematik erzielen. Auch ältere Schüler lernen offenbar leichter, wenn sie bei abstrakten Themen Anschauungsmaterial in die Hände nehmen können. In der Schule wird das seltener genutzt, gelernt wird eher durch Zuhören und Zusehen. Der Tastsinn kommt dabei zu kurz. Haptik-Forscher warnen daher auch vor der Verbreitung „sensorischer Armut“. Wenn Kinder und Jugendliche zu häufig vor dem Computerbildschirm oder mit dem Smartphone in virtuelle Welten abtauchen, anstatt ihre Umwelt mit allen Sinnen wahrzunehmen, kann das die sozialen und kognitiven Fähigkeiten der Heranwachsenden beeinträchtigen.


Kuscheln macht gesund

Für die Entwicklung eines Kindes ist es nicht nur wichtig, dass es Dinge berührt, sondern auch, dass es selber berührt wird. Gestreichelt und gehalten zu werden, verschafft dem Neugeborenen die Gewissheit, dass es auch außerhalb des Mutterleibs in sicherer Umgebung ist – so entsteht Urvertrauen. Körperkontakt ist Nahrung für Geist und Seele. Ein Mangel kann ernste  Probleme, wie Schlafstörungen oder Bindungsängste auslösen. Berührung und körperliche Zuwendung sind also grundlegend für die emotionale Entwicklung des Kindes. Wie viel Nähe ein Kind braucht, hängt dabei von der jeweiligen Entwicklungsphase ab. Grundsätzlich bleibt das Bedürfnis nach körperlicher Zuwendung ein Leben lang erhalten. Eltern sollten nicht den Fehler machen und es persönlich nehmen, wenn ihr Kind in der Pubertät auf Abstand geht – das ist keine Ablehnung, sondern gehört zum Erwachsenwerden einfach dazu. Und auch wenn Teenager auf Küsschen von Mama und Papa genervt reagieren: Sie sollten wissen, dass ihre Eltern sie immer gern in den Arm nehmen, wenn es nötig ist.