Nicht mit Fremden mitgehen - zwischen Vorsicht und Panikmache

Interview mit Julia Spätling, Deutsche Familienstiftung Fulda

Naturgegeben fangen Kinder mit acht bis vierzehn Monaten an zu „Fremdeln“, das heißt sie entwickeln eine natürliche Zurückhaltung gegenüber unbekannten Personen. Für Eltern ist es ein schmaler Grat, den Kindern keine generelle Angst gegenüber Fremden anzuerziehen, ihnen aber im Gegenzug auch beizubringen, dass es Menschen gibt, die es nicht gut mit ihnen meinen. Diplomheilpädagogin Julia Spätling erzählt im Interview, worauf man achten sollte.
 



Spätestens wenn Kinder in der Grundschule anfangen, ihren Schulweg alleine zu bestreiten, ist es für viele Eltern wichtig, ihnen zu vermitteln, dass sie nicht mit anderen Personen mitgehen dürfen. Wie schafft man das, ohne den Kindern Angst zu machen?
Das ist in der Tat nicht einfach. Wichtig ist, dem Kind schon möglichst früh zu vermitteln, dass die Welt nicht grundsätzlich böse ist, dass es aber Personen gibt, denen gegenüber Vorsicht angebracht ist. Generell ist es ein sensibles Thema, seinem Kind hinsichtlich des Umgangs mit Fremden das richtige Verhalten beizubringen. Eltern müssen das Kind ja immer wieder ihm fremden Personen anvertrauen, sei es der Tagesmutter, den Erzieherinnen und Erziehern in der Kita oder der Nachbarin, die mal auf das Kind aufpasst. Den Kindern soll daher auf keinen Fall Angst vor neuen Personen oder ein ständiges Misstrauen in neuen Situationen anerzogen werden. Es geht eher um ein achtsames Beobachten und um ein Einsortieren der Situation in heikel oder nicht heikel.
 
Diese Einordnung fällt ja sogar Erwachsenen oft nicht leicht, wie sollen Kinder das schaffen?
Naturgegeben haben Kinder schon mit acht bis 14 Monaten Angst vor fremden Personen, was als sogenanntes „Fremdeln“ allseits bekannt ist. Kinder haben oft ein gutes Bauchgefühl. Sie sollten wissen, dass sie in bestimmten Situationen „nein“ sagen dürfen. Es ist nicht notwendig, jedem die Hand zu geben, wenn das Kind es absolut nicht möchte. Das Kind muss sagen dürfen, wenn es nicht auf den Schoß des Onkels will oder der Tante kein „Bussi“ geben. Hier würde man sonst die persönliche Grenze des Kindes missachten. Kleine Kinder erkennen Warnsignale, die wir als Erwachsene nicht wahrnehmen. Eltern sollten diese akzeptieren. Sonst bringen sie dem Kind bei, dass es in seinen Bedürfnissen und Ängsten nicht ernst genommen wird. Das ruft Ohnmachtsgefühle und Passivität hervor und vermittelt dem Kind, dass ein „sich wehren“ nichts nützt. Das heißt allerdings nicht, dass man älteren Kindern nicht die gängigen Umgangsformen beibringen sollte!
 
Welchen Gefahren sehen Sie Kinder am häufigsten ausgesetzt und was raten Sie in solchen Fällen?
Häufig ist es nicht unbedingt körperliche Gewalt, der Kinder ausgesetzt sind. Es ist eher der Versuch, Kinder zu manipulieren, indem sie in Gespräche verwickelt werden, ihre Neugier geweckt oder an ihre Hilfsbereitschaft appelliert wird. Achtung vor Erwachsenen ist anerzogen, daher neigen Kinder in solchen Fällen dazu mitzugehen, wenn ein Erwachsener sie dazu auffordert. Vor allem dann, wenn ein möglicher Täter den Namen des Kindes kennt. Daher sollte man Schulranzen, Kita-Tasche und Turnbeutel nicht von außen erkennbar mit dem Namen des Kindes versehen. Eine Notfalltelefonnummer kann ohne Namen im inneren des Ranzens befestigt werden. Für Armbändchen oder Kettenanhänger mit dem Namen des Kindes gilt ebenfalls: Besser nicht.
Hilfreich sind Kindersicherheitstrainings, die häufig im Kindergarten oder der Schule angeboten werden. Hier üben Kinder, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten können. Wenn sie es vorher schon einmal geübt haben, können Kinder im Ernstfall viel selbstbewusster auftreten und schon das schreckt mögliche Täter oft ab. Nur schwache, kaum beachtete und unsichere Kinder werden angesprochen.

Was können die Eltern selbst tun?
Auch hier ist Selbstbewusstsein das wichtigste Stichwort. Eltern sollten alles tun, was das Selbstbewusstsein der Kinder unterstützt und ihm viel Zuwendung geben, denn das ist der beste Schutz.
 
Weitere Informationen zu Sicherheitsschulungen für Kinder finden Sie unter:
www.wo-de.de

Familienschule Fulda

„Starke Kinder brauchen glückliche und zufriedene Eltern für ein unbeschwertes Aufwachsen“, dafür steht die Familienschule Fulda, eine Einrichtung der Deutschen Familienstiftung.

Die Familienschule Fulda ist ein Ort, wo Eltern Antworten auf ihre Fragen bekommen, Kontakte knüpfen und hilfreiche Kurse von Geburtsvorbereitung über Eltern-Kind-Gruppen bis hin zu Selbsthilfe-Gruppen finden können.

Neben den genau auf die Bedürfnisse von werdenden und jungen Eltern abgestimmten Kursangeboten erhalten die Eltern familien- und partnerschaftsstärkende Hilfen zu Themen wie Sicherheit und Klarheit im eigenen Vorgehen, Alltagsgestaltung, Selbstpflege, Stress- und Zeitmanagement sowie verlässliche Unterstützung und Beratung bei unterschiedlichsten Problemen. Hier geht es direkt zur Familienschule Fulda
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