DIE KINDERNOTAUFNAHME: Offenes Fenster mit Folgen

Gastbeitrag von Kinderchirurgin Dr. Stefanie Märzheuser

Sobald die Sonne scheint und die Temperaturen es zu lassen, machen wir gerne die Fenster ganz weit auf. Das warme Wetter verlockte eine Berliner Familie dazu einmal gründlich durchzulüften, auch im Kinderzimmer. Die Mutter ist sicher, dass ihre dreijährige Tochter das Fenster nicht erreichen kann. Als es klingelt, bleibt das Kind unbeaufsichtigt zurück. Mira schiebt den Stuhl ans Fenster, klettert darauf und schaut neugierig raus. Als sie sich auf das Fensterbrett stützt, verliert sie das Gleichgewicht und stürzt kopfüber hinunter.



Als die Mutter einige Minuten später in das Zimmer zurückkommt, ist es leer. Sie ahnt sofort was passiert ist und läuft ans Fenster. Sie erkennt das helle T-Shirt ihrer Tochter in den Büschen vor dem Haus und rennt entsetzt die Treppe hinunter. Eine Nachbarin, die den Sturz beobachtet hat, ruft geistesgegenwärtig den Notruf 112, so dass nur Minuten später der Rettungswagen eintrifft.
 
Bevor der Notarzt an der Unfallstelle losfährt, wird unsere Rettungsstelle im Krankenhaus benachrichtigt und über die vermutete Schwere der Verletzung, die Bewusstseinslage und das Alter der kleinen Patientin informiert. Ein interdisziplinäres Team aus Kinderchirurgen, Unfallchirurgen, Neurochirurgen, Radiologen und Anästhesisten bereitet sich vor und wartet in der Klinik auf das verletzte Kind.
 
Da Mira beim Eintreffen des Notarztes an der Unfallstelle bewusstlos war, wurde sie sicherheitshalber intubiert und künstlich beatmet. Bei der körperlichen Untersuchung fällt auf, dass unsere Patientin aus dem rechten Ohr blutet. An Brust und Bauch hat sie keine Verletzungen, der Ultraschall der Bauchorgane ist unauffällig und die Arme und Beine sind ebenfalls nicht grob sichtbar verletzt. Bei Mira wird eine Computertomographie gemacht, bei der eine Kopfverletzung mit einer kleinen Gehirnblutung festgestellt wird, die aber nicht operativ behandelt werden muss. Weitere Verletzungen hat sie nicht.
 
Die kleine Patientin wird auf die Kinderintensivstation gebracht während die verzweifelte Mutter nicht aufhören kann zu weinen. Wir setzen uns in Ruhe zusammen und erklären ihr, dass Mira Glück im Unglück gehabt hat. Der Sturz aus dem zweiten Stock wurde durch einen Busch abgebremst. Die Gehirnverletzung, die Mira erlitten hat, ist zwar schwer, aber es muss keine Operation am Gehirn vorgenommen werden. Das Mädchen wird noch in derselben Nacht extubiert und atmet wieder selbständig ohne Atemhilfe. Die Kontrolluntersuchung des Gehirns fällt gut aus, die Blutung hat nicht zugenommen und das Gehirn schwillt nicht an. Nach ein paar Stunden wacht Mira auf, bewegt sich und fragt weinend nach ihrer Mami. Da die Mutter auf der Intensivstation neben Miras Bett sitzen darf, kann sie schnell getröstet werden. Die Kleine erholt sich gut. Schon nach zwei Wochen kann sie das Krankenhaus verlassen.
 
Der schlimme Unfall hat keine Folgen zurückgelassen. Mira wird sich später nicht daran erinnern können und keine Behinderung zurückbehalten. Miras Mutter aber wird diesen schrecklichen Sommertag wohl nie vergessen. Die Fenster in der Wohnung haben alle eine Sicherung bekommen und bei geöffnetem Fenster bleibt die Mutter jetzt immer mit im Raum.



Wenn der Rettungswagen nicht sofort da ist:
Richtiges Verhalten bei Kopfverletzungen

Bewahren Sie Ruhe

  • Bei Herz- und Atemstillstand sofort mit Mund-zu-Nase-Beatmung und Herzmassage beginnen und den Notruf 112 rufen.
  • Lagern Sie das Kind flach, am besten auf dem Boden. Tragen Sie es nicht unnötig umher, auch nicht, um es bequemer hinzulegen.
  • Bei Bewusstlosigkeit auf die Uhr sehen, um die Zeitdauer genau festzuhalten. Durch die Aufregung erscheinen Sekunden wie Minuten.
  • Ab dem Schulalter sollten bewusstlose Patienten in der so genannten stabilen Seitenlage gelagert werden. Eine korrekte Seitenlage durchzuführen, lernen Sie am besten in einem Erste-Hilfe Kurs!
  • Bei Säuglingen und Kleinkindern: Legen Sie das Kind auf den Bauch, Drehen Sie den Kopf auf die Seite. Öffnen Sie den Mund des Kindes.
  • Bei wachem Kind Bewusstsein prüfen. Stellen Sie einfache Fragen, die dem Alter des Kindes angemessen sind, wie: "Hier ist deine Mami, erkennst du mich", "Wo ist dein Bruder", "Möchtest du dein Kuscheltier haben?" Beobachten Sie das Kind genau, während es antwortet. Reagiert es so, wie Sie es kennen oder finden Sie sein Verhalten ungewöhnlich?
  • Schauen Sie dem Kind in die Augen. Beobachten Sie, ob beide Pupillen gleich groß sind.
  • Sprechen Sie ruhig mit dem Kind über vertraute Dinge (erzählen Sie z.B. eine Lieblingsgeschichte), lassen Sie es nicht einschlafen.
  • Falls das Kind anfängt zu erbrechen, halten Sie die Atemwege frei.
  • Fahren Sie sofort zum nächsten Kinderarzt/Krankenhaus oder rufen Sie den Notruf.
  • Ist das Kind schläfrig und dämmert vor sich hin oder lässt sich eine Blutung aus einer Kopfplatzwunde nicht stillen, fahren Sie nicht selbst, sondern rufen Sie immer den Notruf an!

Zur Autorin

Dr. Stefanie Märzheuser ist Kinderchirurgin an der Charité in Berlin und Präsidentin der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V. Als Vorsitzende des Beirats begleitet sie die AXA Kindersicherheitsinitiative seit ihrem Beginn in 2013. Selbst Mutter von drei Kindern, kennt sie die Herausforderungen des Elternseins aus dem eigenen Alltag.