Mit sieben Sinnen sicher durchs Leben – Der Gleichgewichts- und Bewegungssinn

Ein Kind balanciert auf einem Klettergerüst – höher, und höher und noch höher. Schauen Sie dabei entspannt zu? Was für manche Eltern zur nervlichen Belastungsprobe wird, ist für Kinder nicht mehr als das natürliche Streben, die eigenen motorischen Fähigkeiten auszutesten und zu verbessern

Kinder müssen erst lernen, ihre sieben Sinne sicher zu gebrauchen. Sie verarbeiten äußere Reize und Einflüsse anders als Erwachsene. Das macht sich im Alltag und in Gefahrensituationen bemerkbar. In unserer Serie fassen wir wichtige Fakten zur Entwicklung der sieben Sinne bei Kindern zusammen.
 
 
 




Teil 4: Der Gleichgewichts- und Bewegungssinn


Übung macht den Meister

Viele Eltern kennen den Kampf mit der inneren Stimme, wenn sie ihr Kind beim Klettern beobachten zwischen „Lass nur, es wird schon nichts passieren“ und „Stopp! Das wird mir jetzt aber wirklich zu gefährlich.“ Sein Kind einfach mal machen zu lassen ist gar nicht so einfach: Schließlich will man das Kind beschützen, andererseits soll es sich austoben und möglichst frei entfalten können. Und eine simple Regel dafür, wo die Grenze zum gefährlichen Spiel verläuft, gibt es nicht. Das müssen Eltern in jeder Situation immer wieder neu entscheiden. Aber wer jegliches Risiko von seinem Kind fernhält, nimmt ihm die Chance, Vertrauen in seine körperlichen Fähigkeiten zu erlangen.


Zusammenspiel der Sinne

Eine zentrale Rolle beim Austesten der eigenen körperlichen Grenzen spielen der Bewegungs- und Gleichgewichtssinn, die beide eng miteinander verbunden sind. Beim Bewegungssinn sprechen Experten auch von Tiefensensibilität. Gemeint ist die Fähigkeit, den eigenen Körper wahrzunehmen: Zu wissen, ob der Fuß gerade den Boden berührt oder ob der Arm angewinkelt ist. Der wesentliche Unterschied zu den anderen Sinnen ist, dass nicht äußere Reize Auslöser sind, sondern die Kraft und Spannung, die im eigenen Körper entstehen. Ob ein Finger gekrümmt ist, fühlen wir schließlich auch, wenn wir ihn nicht sehen und nichts berühren.
 
Aber ohne den Gleichgewichtssinn wäre der Bewegungssinn nicht viel Wert. Mit Hilfe des Gleichgewichtsorgans im Innenohr hilft er uns dabei, Körperhaltung zu bewahren und uns im Raum zu orientieren. Erst durch ihn bekommen wir ein Empfinden dafür, wo oben und wo unten ist. Um sich im Raum sicher orientieren zu können und in Balance zu bleiben, müssen die Informationen, die andere Sinne und das Gleichgewichtsorgan an das Gehirn weitergeben, übereinstimmen. Bei Autofahrten zum Beispiel funktioniert dieses Zusammenspiel jedoch häufig nicht. Kinder haben mit diesen widersprüchlichen Eindrücken besonders zu kämpfen, weil ihr Gehirn noch nicht vollständig ausgereift ist. Das erklärt, warum vor allem vielen Kindern beim Autofahren schlecht wird. Dagegen hilft eine Pause für die Sinne: frische Luft und etwas Bewegung auf dem Rastplatz.


Körperbeherrschung bringt Sicherheit

Wenn Kinder laufen, hüpfen und rennen können, haben sie Tiefensensibilität und Gleichgewichtssinn schon gut trainiert. Diese Bewegungsarten sind die Basis für schwierigere Übungen, wie etwa beim Tanzen, Turnen oder anderen Sportarten. Durch ihren natürlichen Bewegungsdrang und ihre innere Motivation, sich stets zu verbessern, braucht es in der Regel nicht viel, um Kinder in Bewegung zu bringen. Oft reicht es, Ihnen den nötigen Raum zu bieten.  
  
Der beste Ort, um das Zusammenspiel der Sinne und damit die Körperbeherrschung zu trainieren, ist noch immer die Natur. Stundenlang im Freien zu spielen und auf Bäume und Felsen zu klettern, kennen viele Kinder heute aber nicht mehr. Doch wer im städtischen Lebensraum aufwächst, muss genauso lernen, sich sicher zu bewegen. Leider weisen Studien gerade bei Stadtkindern auf psychomotorische Schwächen hin. Aufgedeckt wurden die Mängel besonders bei der Fahrradausbildung, die nahezu alle Grundschüler absolvieren. So können immer weniger Kinder die Spur halten, wenn sie zur Seite oder nach hinten blicken – eine Grundvoraussetzung dafür, um sich unfallfrei durch den Verkehr zu bewegen.
Auch vor diesem Hintergrund ist es so wichtig, dass Kinder sich in einem geschützten Raum frei bewegen und ihre körperlichen Grenzen austesten können. Auch wenn dabei ab und zu ein Pflaster zum Einsatz kommt.