DIE KINDERNOTAUFNAHME: Tee tut weh

Gastbeitrag von Kinderchirurgin Dr. Stefanie Märzheuser

Ein Sonntag im Advent. Die ganze Familie hat sich versammelt und während die Erwachsenen es sich gemütlich machen, wuseln die Kinder aufgeregt herum. Jemand hat eine Tasse frischen Tee aufgebrüht, der unbewacht in der Küche auf der Arbeitsplatte steht. Der zweijährige Luis entdeckt die Tasse, stellt sich auf die Zehenspitzen und will sie zu sich heranziehen. Er erschrickt, weil die Tasse heiß ist. Die Tasse kippt um und heißer Tee läuft ihm über Gesicht, Hals, Oberkörper und Arme. Luis schreit.




Viele Erste Hilfe-Märchen, wenig Hilfe

Seine Mutter rennt zu ihm und zieht ihm sofort die durchweichte Kleidung aus. Inzwischen haben auch alle anderen mitbekommen, was passiert ist und überschlagen sich mit Erste Hilfe-Tipps. Die Vorschläge reichen von eiskaltem Wasser über Quark und Mehl bis hin zu Brand- und Wundgel.
 
Luis Mutter schlägt lieber in ihrem Erste Hilfe-Ratgeber nach. Dann duscht sie den aufgeregt schluchzenden Luis wie dort empfohlen lauwarm ab. In der Zwischenzeit wählt Luis Vater den Notruf 112. Als die Rettungssanitäter kommen, wird der Junge vorsichtig abgetrocknet und in eine Rettungsfolie und eine große warme Decke gewickelt.


Ein Fall für die Kindernotaufnahme

Luis wird vom Rettungsdienst bei uns in der Kindernotaufnahme angekündigt. Die Rettungssanitäter schätzen die Verletzung auf 30 Prozent der Körperoberfläche ein ‒ eine bedrohliche Ausdehnung für ein zweijähriges Kind. Als wir den kleinen Luis in der Rettungsstelle in Empfang nehmen, geben wir ihm zunächst ein starkes Schmerzmittel. Denn Verbrühungen sind äußerst schmerzhaft. Dann inspizieren wir selbst das Ausmaß der Verletzungen. Letztlich zeigt sich, dass etwa 20 Prozent der Körperoberfläche verletzt sind. Wir entscheiden, die Wunden später im Operationssaal unter Narkose zu versorgen. Werden sie nicht gut versorgt, können sie tiefe, entstellende Narben hinterlassen, die auch die Bewegungsfähigkeit einschränken. Vor der OP, noch in der Rettungsstelle, legen wir provisorische Verbände an und kuscheln den Jungen wieder in warme Decken. Das Schmerzmittel wirkt und Luis wird müde und schläft ein. Die aufgeregte Situation ist jetzt unter Kontrolle, wir haben Zeit gewonnen, und können die Operation in Ruhe vorbereiten.

Als Luis im warmen Operationssaal in Narkose friedlich schlummert, nehmen wir die Verbände ab. Die Haut im Gesicht ist gerötet, hat aber anscheinend nur ein paar Spritzer der heißen Flüssigkeit abbekommen. Hals, Oberkörper und Arme sind schwerer verletzt. Hier löst sich die Haut in großen Blasen ab. Wir tragen die Blasen ab und sehen, dass der Wundgrund rosig ist und die Verbrühungen nicht sehr tief reichen. Eine Verletzung des Grades 2a ‒ das heißt, dass die Keimschicht der Haut nicht betroffen ist und keine gravierenden Narben zurückbleiben werden. Luis wird in aufwendige, mehrschichtige Spezialverbände eingehüllt. Mit den vielen weißen Binden sieht er ein bisschen aus, wie ein Michelin-Männchen.

Luis und seine Mutter ziehen in ein Mutter-Kind Zimmer auf der kinderchirurgischen Station. Nach drei Tagen wechseln wir das erste Mal die Verbände. Luis bekommt wieder starke Schmerz- und Beruhigungsmittel, damit es nicht weh tut. Dafür kichert er jetzt und wirkt ein bisschen betrunken.

Beim nächsten Verbandwechsel nach sechs Tagen, sehen die Wunden reizlos aus und heilen gut. Wir entlassen Luis und seine Mutter in die ambulante Behandlung. Aber auch wenn jetzt erstmal alles gut aussieht, wird der Heilungsverlauf weiter kontrolliert. So können wir reagieren, falls sich doch Narben bilden. Die Pigmentierung der Haut wird erstmal gestört bleiben und Luis darf im Sommer auf keinen Fall ohne Sonnenschutzbekleidung in die Sonne, denn seine Haut ist jetzt besonders empfindlich. In etwa einem Jahr wird sich Luis Hautfarbe dann wieder normalisiert haben.


Expertentipp: Erste Hilfe bei Verbrühungen

In der Kindernotaufnahme sehen wir in der Advents- und Weihnachtszeit viele Verbrühungen, zum Beispiel durch heiße Getränke wie im Fall von Luis. Diese Verletzungen sind sehr schmerzhaft und können Narben zurücklassen.
 
So handeln Sie im Fall von Verbrühungen richtig:

  • Ziehen Sie dem Kind alle nassen Kleidungsstücke aus.
  • Kühlen Sie verbrühte Arme, Hände, Füße oder Beine unter fließendem, lauwarmem Wasser (20 – 25°C).
  • Geben Sie großzügig Schmerzmittel.
  • Wickeln Sie das Kind in eine Rettungsfolie aus dem Verbandkasten, legen Sie Verbände an oder wickeln Sie das Kind in saubere, fusselfreie Tücher (z. B. frische Handtücher). Halten Sie das Kind warm.
  • Fahren Sie zum Arzt. Bei großflächigen Verbrühungen wählen Sie immer den Notruf 112.

Zur Autorin

Dr. Stefanie Märzheuser ist Kinderchirurgin an der Charité in Berlin und Präsidentin der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V. Als Vorsitzende des Beirats begleitet sie die AXA Kindersicherheitsinitiative seit ihrem Beginn in 2013. Selbst Mutter von drei Kindern, kennt sie die Herausforderungen des Elternseins aus dem eigenen Alltag.