„Väter lassen eher mal laufen.“

Interview mit Julia Spätling, Deutsche Familienstiftung Fulda

„Lauf nicht so schnell! Pass auf, du fällst!“ Solche Sätze hören Kinder meistens eher von ihren Müttern. Väter sind lockerer im Umgang mit gefährlichen Situationen. Ein Vorurteil? - Männer gehen mit dem Thema Sicherheit oft anders um als Mütter. Das hat auch Vorteile. Wir sprachen mit Julia Spätling, Diplom-Heilpädagogin und Leiterin der Familienschule der Deutschen Familienstiftung in Fulda, über ihre Erfahrungen.



Frau Spätling, können Sie aus Ihren Erfahrungen bestätigen, dass Väter lockerer mit gefährlichen Situationen umgehen als Mütter?

Grundsätzlich ja. Allerdings gibt es auch die umgekehrte Situation. Im Umgang mit einem Säugling sind Väter zunächst vorsichtiger als die Mütter. Und Männer, die zum Beispiel aus beruflichen Gründen weniger Zeit mit dem Kind verbringen, sind oft unsicher, was sie dem eigenen Nachwuchs schon zutrauen können und was nicht. Auf der anderen Seite zeigt meine Erfahrung – und das belegen auch Studien – machen in der Regel eher die Väter waghalsigere Dinge mit den Kindern und ermutigen sie dabei, an ihre Grenzen zu gehen.

Sind die Väter manchmal zu nachlässig im Umgang mit Gefahren?


Nein, so würde ich das nicht sagen. Männer lassen ihren Kindern oft mehr Freiraum, ihre eigenen Grenzen zu erkennen. Mütter haben im Gegensatz dazu oft zu viele Bedenken, dass die Kinder sich verletzen könnten, schränken aber dadurch unbewusst deren Erlebnisspielraum ein.

Warum ist es so wichtig für Kinder, ihre eigenen Grenzen kennen zu lernen?


Kinder lernen nur dadurch, ihre Fähigkeiten und Kompetenzen besser einzuschätzen. Und sie müssen auch einmal die Erfahrung machen, dass etwas noch nicht so gut klappt oder anders klappt, als sie es sich vorgestellt haben. Nur so lernen sie, mit frustrierenden Situationen fertig zu werden, was für das spätere Leben ja ungemein wichtig ist.

Bei welchen Gelegenheiten beobachten Sie, dass Männer eher mal laufen lassen?


Als Mutter und nach Erfahrungen aus meinen Kursen kann ich sagen, dass Männer vor allem draußen in der Natur beim Klettern, Rennen und Fallen weniger Sorgen haben, dass etwas Schlimmes passiert. Männer lassen eher einfach mal laufen. Gerade die Natur bietet Kindern ja einen vielfältigen Spiel-  und Erlebnisraum, in dem sie sich ausprobieren können, und lernen, mit unvorhergesehenen Situationen umzugehen. Eltern müssen dabei natürlich immer abwägen, wann es wirklich zu gefährlich wird, und sollten dann auch ein entsprechendes Verbot aussprechen. Aber manchmal macht man am besten einfach mal die Augen zu, wenn das Kind zum Beispiel das erste Mal eine Bergwiese herunter rennt.

Warum ist das ein gutes Beispiel?


Natürlich könnte das Kind fallen, es wird sich aber maximal ein paar Kratzer zuziehen. Dafür wird es viele Erkenntnisse in Bezug auf sein Gleichgewicht gewinnen. Bei älteren Kindern kann natürlich auch mehr zugelassen werden. Eltern kennen ihre Kinder ja selbst am besten. Eine Situation selbst gemeistert zu haben macht stolz und trägt dazu bei, ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln. Je früher und je häufiger Kinder die Möglichkeit haben, ihre eigenen Erfahrungen zu sammeln, desto besser werden sie gefährliche Situationen erkennen und entsprechend vorsichtig handeln können.

Was raten Sie Müttern und Vätern, die im Hinblick auf Sicherheitsfragen oft nicht einer Meinung sind?


Wichtig ist, die andere Herangehensweise des Partners zu akzeptieren. Das Kind kann damit umgehen. Allerdings sollten sich die Eltern über grundlegende Sicherheitsregeln einig sein, zum Beispiel: im Auto immer angeschnallt und das im altersentsprechenden Kindersitz, Fahrradfahren nur mit Helm, Zaun um den Gartenteich usw. In so einem sicheren Umfeld sollten sich beide bewusst sein, wie wichtig es für das Kind ist, sich selbst und die eigenen Fähigkeiten ausprobieren zu dürfen. Da dürfen die Mamas sich auch mal von den Papas etwas abschauen. 

Familienschule Fulda

„Starke Kinder brauchen glückliche und zufriedene Eltern für ein unbeschwertes Aufwachsen“, dafür steht die Familienschule Fulda, eine Einrichtung der Deutschen Familienstiftung.

Die Familienschule Fulda ist ein Ort, wo Eltern Antworten auf ihre Fragen bekommen, Kontakte knüpfen und hilfreiche Kurse von Geburtsvorbereitung über Eltern-Kind-Gruppen bis hin zu Selbsthilfe-Gruppen finden können.

Neben den genau auf die Bedürfnisse von werdenden und jungen Eltern abgestimmten Kursangeboten erhalten die Eltern familien- und partnerschaftsstärkende Hilfen zu Themen wie Sicherheit und Klarheit im eigenen Vorgehen, Alltagsgestaltung, Selbstpflege, Stress- und Zeitmanagement sowie verlässliche Unterstützung und Beratung bei unterschiedlichsten Problemen. Hier geht es direkt zur Familienschule Fulda
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