Immer eine Hand zu wenig – Wenn Zwillinge mobil werden

Interview mit Julia Spätling, Deutsche Familienstiftung Fulda

Über die besonderen Herausforderungen von Mehrlingsmüttern

Als Mutter von Zwillingen bekommt man alles im Doppelpack: Doppelte Freude, doppelter Stress, in der Kleinkindphase auch doppeltes Gefahrenrisiko, leider gekoppelt mit halb so viel Schlaf. Gleiches gilt für Eltern, deren Kinder nur ein knappes Jahr auseinander sind. Da ist es besonders wichtig, den Alltag gut zu organisieren und sich nicht zu scheuen, um Hilfe zu bitten, weiß Diplomheilpädagogin Julia Spätling. Die Mutter von zwei Jahre alten Zwillingen berichtet im Interview, wie sie die Herausforderungen angeht.
 



Frau Spätling, Ihre Zwillinge sind jetzt zwei Jahre alt. Welches Alter ist für die Eltern besonders anstrengend?
Die Kleinkindphase, also ab eineinhalb bis zwei Jahre, wenn die Kinder anfangen, mobil zu werden erfordert schon sehr viel Aufmerksamkeit von den Eltern. Da muss man als Mutter oder Vater ständig hinterher sein. Sind die beiden Kleinkinder dann plötzlich in verschiedenen Richtungen unterwegs, wird es schwierig. Man hat das Gefühl, immer eine Hand zu wenig zu haben. So hat kein Elternteil wirklich einmal richtig Pause.
In dieser Zeit schlafen die meisten Kinder ja auch noch nicht durch. Schlafmangel ist an der Tagesordnung. Das in Kombination mit der Dauerbelastung führt dazu, dass sich die Aufmerksamkeit der Eltern reduziert, obwohl sie doppelt gefordert ist. Das Gefahrenrisiko steigt.
 
Was raten Sie Eltern in dieser Situation?
Wichtig ist, dass eine gute Absprache zwischen den Eltern stattfindet, damit auf jeden Fall klar ist, wer sich gerade um wen kümmert. Im Idealfall ist man mit Mehrlingen in dem Alter nicht alleine. Wenn man keine Familie vor Ort hat, ist das aber oft schwierig zu organisieren. Grundsätzlich reduziert sich der Stress, wenn man im Voraus gut geplant hat, wie man die jeweilige Situation „managen will“.
 
Wenn Zwillinge auftauchen hat man oft die Aufmerksamkeit auf seiner Seite. Da sollten zahlreiche helfende Hände nicht schwer zu organisieren sein, oder?
Das ist leider nicht immer der Fall. Es hilft, wenn man konkret im spezifischen Fall um Hilfe bittet. Trotzdem bleibt der Ausflug auf den Spielplatz mit zwei Kleinkindern jedes Mal ein Abenteuer: Rutschen, Klettergerüst und Schaukeln üben auf jedes Kind eine andere Anziehungskraft aus. Manchmal möchte man am liebsten solche Orte meiden. Aber das ist gerade falsch, denn sie sind für die Entwicklung sehr wichtig. Die Motorik der Kinder zu fördern, bedeutet sichere und geschickte Kinder zu haben. Nur wenn sie klettern und sich ausprobieren können, lernen sie auch selbstständig zu werden. Und je selbstständiger sie sind, desto entspannter wird es für die Eltern. Natürlich stärkt es auch das Selbstwertgefühl der Kinder, wenn sie alleine etwas geschafft haben.
 
Welche anderen Situationen sind für Mehrlingseltern besonders schwierig?
Auf dem Spielplatz findet man meist eine andere Mutter, die auf eins der Kinder ein Auge hat. Schwieriger ist es im Straßenverkehr oder bei großen Menschenansammlungen. Im Straßenverkehr helfen nur absolute Konsequenz und eine möglichst frühe Verkehrserziehung. Rot heißt stehen bleiben usw. Bis die Kinder das sicher beherrschen, helfe ich mir mit Hosenträgern und Leinen-Rucksack, um die Kinder unter Kontrolle zu halten. Bei größeren Menschenansammlungen schreiben wir immer die Handy-Nummer auf den Arm der Kinder (ohne Namen). Beim Schwimmen sollten möglichst zwei Erwachsene dabei sein.
 
Wie halten Sie es bei langen Autofahrten oder Zugfahrten?
Zugfahrten mit zwei kleinen Kindern und Gepäck sind für ein Elternteil alleine fast nicht zu bewerkstelligen. Das sollte man wirklich nur machen, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Bei langen Autofahrten gilt aber das gleiche, wie immer wenn man mit Kindern im Auto unterwegs ist. Reichlich Spielzeug, Hörspiele und häufige Bewegungspausen helfen, die Kinder von ihrer „angetackerten“ Situation im Autositz abzulenken.
 
Auch in den eigenen vier Wänden muss man ja schon mit einem Kind einiges beachten. Wie sieht es da aus, wenn zwei Kinder mobil werden?
Im Haushalt gibt es die gleichen Gefahren wie bei einem einzelnen Kind. Wenn aber die Aufmerksamkeit durch einen Zwilling schon in Anspruch genommen wird, braucht man erst recht ein offenes Ohr für den zweiten Kollegen. Da es fast unmöglich ist, immer beide im Auge zu haben, muss man jederzeit besonders darauf achten, dass kein Fenster offen steht, dass die Türen nach draußen geschlossen sind und dass sowohl Treppen als auch der Zugang zu gefährlichen Materialien gesichert sind. Aber auch hier gilt: Selbständigkeit beibringen hilft! Wenn man sie lässt, können Kinder sehr früh schon prima Tischdecken helfen, sich anziehen, ihre selbst verursachten Pfützen aufwischen, oder beim Sockensortieren helfen.
 
Haben Sie noch einen Tipp für Freunde, Verwandt oder Nachbarn von Mehrlingseltern?
Zwillingseltern brauchen mehr Schlaf, mehr Nerven und mehr Unterstützung als andere Eltern. Also liebes Umfeld: schaut mal, wo Ihr unterstützen könnt! Wenn Freunde, Familie und Nachbarn mithelfen, sind Zwillinge überhaupt kein Problem! Und Zwillingseltern: fragt um Hilfe!
Also nur Mut, Zwillinge machen Spaß!

Familienschule Fulda

„Starke Kinder brauchen glückliche und zufriedene Eltern für ein unbeschwertes Aufwachsen“, dafür steht die Familienschule Fulda, eine Einrichtung der Deutschen Familienstiftung.

Die Familienschule Fulda ist ein Ort, wo Eltern Antworten auf ihre Fragen bekommen, Kontakte knüpfen und hilfreiche Kurse von Geburtsvorbereitung über Eltern-Kind-Gruppen bis hin zu Selbsthilfe-Gruppen finden können.

Neben den genau auf die Bedürfnisse von werdenden und jungen Eltern abgestimmten Kursangeboten erhalten die Eltern familien- und partnerschaftsstärkende Hilfen zu Themen wie Sicherheit und Klarheit im eigenen Vorgehen, Alltagsgestaltung, Selbstpflege, Stress- und Zeitmanagement sowie verlässliche Unterstützung und Beratung bei unterschiedlichsten Problemen. Hier geht es direkt zur Familienschule Fulda
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