Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz – die besonders heikle Art von Mobbing

Serie Mobbing – Teil 3


Vielfach erlitten und oft verharmlost, verschwiegen oder vertuscht: Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz steht im Mittelpunkt des dritten Teils unserer Artikelreihe zum Thema Mobbing. Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten in Deutschland hat sie laut einer aktuellen Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) schon erlebt oder beobachtet. Die Verursacher, meist Männer, leugnen oder tun sie gerne als Bagatelle ab. Viele Opfer, überwiegend Frauen, setzen sich aus Angst oder Scham nicht dagegen zur Wehr. Entsprechend hoch ist die Dunkelziffer dieses strafbaren Deliktes, vor dem Arbeitgeber und Dienstherren ihre Belegschaft im Zuge der Fürsorgepflicht schützen müssen.



Rainer Brüderle, damals FDP-Fraktionsvorsitzender im Deutschen Bundestag, sorgte 2013 für Aufsehen, als er eine Journalistin der Zeitschrift „Stern” dienstlich zum Interview traf: Er blickte ihr dabei tief in den Auschnitt, sagte „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen” und brachte noch einen unerwünschten Handkuss an. Die Journalistin machte diesen Vorfall öffentlich. Er löste eine Debatte um sexuelle Belästigung aus, die hohe Wellen schlug.


Belastender Alltag in Büros und Amtsstuben

Viele Frauen müssen im Beruf anzügliche Witze, unanständige Bemerkung und andere, teils drastische Formen sexueller Belästigung von Ausbildern, Kollegen oder Vorgesetzten über sich ergehen lassen. Arbeitspychologen bewerten dies als Machtdemonstrationen oder Ausdruck von Geringschätzung, von „Flirt” kann demnach jedenfalls keine Rede sein. Die Betroffenen selbst empfinden die Vorkommnisse als starke Belastung und persönliche Beeinträchtigung, als beleidigend, erniedrigend und entwürdigend.

Sucht man nicht möglichst rasch Rat und Hilfe, kann sexuelle Belästigung die Situation am Arbeitsplatz unerträglich machen und zu gesundheitlichen oder seelischen Problemen führen wie andere Arten des Mobbings auch. Allerdings wissen 81 Prozent der Beschäftigten laut der repräsentativen ADS-Umfrage nicht, dass ihr Arbeitgeber sie vor verbalen oder körperlichen Übergriffen schützen muss, und fast ebenso vielen ist unbekannt, an wen sie sich im Betrieb bei Problemen wenden können.


Was ist sexuelle Belästigung?

Ein Forschungsbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend katalogisiert unter anderem, folgende einseitige sexuelle Annäherungsversuche als Belästigung:

  • scheinbar zufälligen körperlichen Kontakt
  • Tätscheln oder Kneifen
  • nicht gewollte Küsse
  • aufdringliche Bemerkungen oder Kommentare, z. B. über das Aussehen
  • obszöne oder kompromittierende Aufforderungen
  • das Zeigen pornographischer Bilder
  • Aufforderung oder Erpressung zu sexuellen Handlungen
  • sexuelle Nötigung und tätliche Bedrohung

Gesetzliche Regelungen

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist verboten, man kann sich mit juristischen Mitteln gegen sie wehren. Hierfür ist das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) von großer Bedeutung: Es verbietet sexuell bestimmte Übergriffe, regelt das Beschwerderecht und verpflichtet Arbeitgeber und  Dienstherr dazu, im Rahmen ihrer Möglichkeiten vorbeugende Maßnahmen zu treffen. Das AGG gilt seit 2006 für Arbeitnehmer, Auszubildende und Stellenbewerber in der Privatwirtschaft, für Beamte, Richter und Beschäftigte im Öffentlichen Dienst findet es im allgemeinen Dienstrecht Anwendung.

2011 hat das Bundesarbeitsgericht (BAG) den Stand von Recht und Rechtsprechung gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz anlässlich eines Kündigungsstreits so zusammengefasst: Eine nach dem AGG verbotene sexuelle Belästigung liegt vor, wenn „ein unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten bezweckt oder bewirkt, dass die Würde der betreffenden Person verletzt wird, insbesondere wenn ein von Einschüchterungen, Anfeindungen, Erniedrigungen, Entwürdigungen oder Beleidigungen gekennzeichnetes Umfeld geschaffen wird”. Ausdrücklich nannte das BAG in diesem Zusammenhang „unerwünschte sexuelle Handlungen und Aufforderungen zu diesen, sexuell bestimmte körperliche Berührungen, Bemerkungen sexuellen Inhalts sowie unerwünschtes Zeigen und sichtbares Anbringen von pornographischen Darstellungen". Schon ein einmaliger Übergriff kann nach Auffassung des Gerichts den Tatbestand der Belästigung erfüllen.

Auch unabhängig vom Arbeitsrecht bieten Gesetze Schutz: So sichert das Grundgesetz den Schutz der Menschenwürde, die freie Entfaltung der Persönlichkeit und das Recht auf körperliche Unversehrtheit, im Bürgerlichen Gesetzbuch findet sich ein Paragraph gegen geschlechtsbezogene Benachteiligung, und das Strafgesetzbuch kommt bei sexuell motivierter Beleidigung, sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen sowie sexueller Nötigung und Vergewaltigung zum Tragen.

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Pflichten des Arbeitgebers/Dienstherrn

Arbeitgeber und Personalverantwortliche müssen Beschäftigte über ihre Rechte bei Diskriminierung informieren, dieser vorbeugen, und gegebenenfalls Maßnahmen gegen Belästigende ergreifen. Hierfür kommen Kollegen oder Vorgesetzte im Betrieb ebenso in Betracht, wie Besucher oder Kunden. Geeignete Gegenmaßnahmen im innerbetrieblichen Bereich sind Abmahnungen, Um- oder Versetzung, und in gravierenden Fällen Kündigungen. Besucher und Kunden können verwarnt oder des Hauses verwiesen werden.

Vorbeugende Maßnahmen sind unter anderem:

  • das Veröffentlichen einer allgemein zugänglichen Grundsatzerklärung darüber, dass
    sexuelle Belästigung den Betriebsablauf stört und nicht geduldet wird
  • Hinweise darauf, dass man auf Beschwerden rasch, fair und vertraulich reagiert
  • eine eindeutige Haltung gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, zu der auch gehört, dass Verstöße mit allen disziplinarischen und rechtlichen Mitteln geahndet werden
  • das Einbeziehen des Themas in Fortbildung und Schulung, bei Teambesprechungen und Tagungen von Führungskräften
Auch Beschäftigte im Öffentlichen Dienst und Beamte können sich auf die AGG-Regelungen berufen. Für sie gelten zudem die Gleichstellungsgesetze der Länder, in denen Disziplinarverfahren und mögliche Sanktionen näher ausgeführt sind, außerdem greifen behördliche Dienstanweisungen und Richtlinien.


Wie schützt man sich selbst?

Betroffene Beschäftigte sollten sich bei den zuständigen Stellen beschweren. Arbeitgeber oder Dienstherr müssen jeden Fall prüfen, und den Beschwerdeführern dürfen dadurch keine Nachteile entstehen. Falls keine geeigneten Maßnahmen getroffen werden, haben Betroffene das Recht, ihre Tätigkeit so lange ohne Lohnverlust einzustellen, bis ihr Schutz vor Belästigung gewährleistet ist – ein Mittel, zu dem man jedoch mit Augenmaß und nur nach reiflicher Überlegung greifen sollte, denn die Meinungen darüber, ob Maßnahmen geeignet sind oder nicht, fallen oft unterschiedlich aus. Schließlich besteht auch ein Schmerzensgeldanspruch gegen Arbeitgeber oder Dienstherren. Dies nicht nur, wenn diese selbst Mitarbeiter sexuell belästigen, sondern auch, wenn sie Belästigungen durch andere Beschäftigte nicht effektiv unterbinden.

Grundsätzlich empfiehlt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes:

  • dem Verursacher sexueller Belästigung zu sagen, dass man sich durch dessen Verhalten belästigt fühlt
  • den Betreffenden zur Änderung seines Verhaltens aufzufordern und widrigenfalls Konsequenzen anzukündigen
  • ein Gedächtnisprotokoll zu führen, worin man Übergriffe dokumentiert – das ist wegen der Beweispflicht wichtig
  • innerbetrieblich Beratung bei Beschwerdestellen, Gleichstellungsbeauftragten, Betriebs- oder Personalrat zu suchen
  • das weitere Vorgehen wenn nötig mit außerbetrieblichen Ratgebern zu besprechen
  • Die Antidiskriminierungstelle des Bundes informiert Betroffene kostenlos telefonisch oder via Mail über ihre Rechte und Ansprüche: www.antidiskriminierungsstelle.de
  • Rund um die Uhr können Sie das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen erreichen: 08000 116016, www.hilfetelefon.de
  • Hans-Jürgen Honsa: „Mobbing und sexuelle Belästigung im öffentlichen Dienst: Ursachen, Auswirkungen, Bekämpfungsstrategien”; Erich Schmidt Verlag, neu bearbeitete und erweiterte Auflage 2008

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