Druck in der Schule… Plädoyer für mehr Gelassenheit

Wieviel Stress darf, wieviel muss sein?


Der Trend geht zum Gymnasium: Immer mehr Eltern möchten, dass ihre Kinder Abitur machen, den Weg zum Studium am besten in immer kürzerer Zeit absolvieren. Alle haben im Hinterkopf, dass nur eine gute Ausbildung eine sorglose Zukunft verspricht. Für viele Mädchen und Jungen beginnen deshalb Schulstress und Druck spätestens in der dritten und vierten Klasse, das heißt mit acht oder neun Jahren. In diesem zarten Alter stellen sich an den meisten Schulen bereits die Weichen für die Zukunft: Das sogenannte Übertrittszeugnis Mitte der vierten Klasse erlaubt entweder den Gang aufs Gymnasium, die Real- oder die Mittelschule.

Laut aktuellen Studien fühlt sich bereits jedes dritte Grundschulkind unter Stress. Mit steigender Tendenz, je älter die Kinder werden. Stressfaktor Nummer eins: Die Schule. Muss das sein?


Wir haben die Konrektorin der Don-Bosco Grund- und Hauptschule in Künzell und Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern, Silke  Weigelt, zu den Themen Schule, Schulstress, Druck, Überforderung, schlechte Noten und die nötige Selbstständigkeit befragt. Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit.

Frau Weigelt, dass viele Kinder unter dem Druck in der Schule und Schulstress leiden und auch Eltern häufig sehr in die Schularbeit ihrer Kinder eingebunden sind, ist inzwischen Dauerthema. In den Schulen, den Medien und den Familien. Muss ich als Mutter oder Vater denn wirklich bei den Hausaufgaben dabei sein?

Silke Weigelt: Natürlich wäre es wünschenswert, wenn die Kinder ihre Hausaufgaben selbstständig bearbeiten könnten. Dennoch ist häufig die Unterstützung der Eltern notwendig und manchmal sogar auch gewünscht.  Allgemein lernt man ja Selbstständigkeit nicht dadurch, dass man alles gleich alleine machen soll, sondern durch eine gewisse ‚Anleitung‘, die zudem oft von Kind zu Kind individuell verschieden ist. Genauso wenig wie die meisten Kinder sofort einen Kuchen selbstständig backen können, da werden ihnen von Erwachsenen die einzelnen Schritte ja auch gezeigt, sind Kinder vom Start weg nach dem Kindergarten in der Lage organisiert und regelmäßig Hausaufgaben zu machen und gezielt zu lernen.



Zum anderen wäre es wünschenswert, wenn Hausaufgaben selbsterklärend sind, und die Kinder sie selbstständig lösen können. Schließlich sollen Hausaufgaben den Unterrichtsstoff vertiefen und ergänzen. Dies ist aber leider nicht immer so. In diesem Fall würde ich Kontakt zur Lehrerin oder dem Lehrer aufnehmen, da diese Rückmeldung auch für die Lehrkraft hilfreich sein kann.


Wie lang sollte oder muss ich mein Kind bei den Hausaufgaben unterstützen, gibt es da z.B. Staffelungen je nach Klassenstufe?

Silke Weigelt: Da gibt es in meinen Augen zwei Komponenten: Wie das Kind selbst gestrickt, also veranlagt ist und in welchem Alter bzw. in welcher Klassenstufe es gerade ist. Sicherlich ist es so, dass Eltern von Erstklässlern ihre Kinder mehr unterstützen müssen. Diese Unterstützung sollte von Schuljahr zu Schuljahr weniger werden, auch wenn es zwischendurch immer wieder Phasen geben kann, in denen die Kinder die Eltern mehr brauchen.


Auch sollte man sein Kind versuchen, objektiv einzuschätzen und zu erkennen, was es für Fähigkeiten hat, und wann und wo es Unterstützung braucht. Bei manchen Kindern reicht es, wenn man die Hausaufgaben nachsieht, wenn sie fertig sind. Dann kann man die Kinder auf eventuelle Fehler hinweisen, die sie aber alleine finden und verbessern sollten. Ansonsten ist es sinnvoller, Fehler auch mal stehen zu lassen, damit die Lehrkraft eine Rückmeldung erhält.


Bei anderen Kindern muss man sich anfangs tatsächlich daneben setzen, da sie mehr Unterstützung und Anleitung benötigen, zum Beispiel bei der Arbeitsorganisation. Da kann man gemeinsam mit ihnen erarbeiten, was für ein Lerntyp bin ich, zu welcher Tageszeit bin ich am aufnahmefähigsten, wie fange ich am besten an, wie kann ich Ordnung auf dem (Schreib-)Tisch halten, solche Sachen. Manche Kinder brauchen auch die Elternnähe, um sich sicherer zu fühlen und können sich dann besser konzentrieren, wenn Mutter oder Vater im Raum oder nebenan sind.


Wie lang sollte ein Kind denn durchschnittlich an den Hausaufgaben sitzen?

Silke Weigelt: Das Kultusministerium hat hier Richtwerte festgelegt: In den Klassen 1 und 2 sollten es bis zu 30 Minuten täglich sein, in den Klassen 3 und 4 bis zu 45 Minuten. Dabei handelt es sich aber nicht um starre Vorgaben und die angegebene Zeit bezieht sich auf die tatsächliche Arbeitszeit des Kindes. Also nicht auf das Am-Schreibtisch-Sitzen allein und eben abzüglich der Zeiten, in denen sich das Kind z.B. etwas zu trinken holt, zur Toilette geht, auf ein Handy schaut etc.


Manchen Eltern hilft ein Vergleich unter den Schülern: Wie lange brauchen andere Klassenkameraden für die Hausarbeiten? Falls ein oder auch mehrere Kinder ständig viel länger als für die Klassenstufe angegeben an den Hausaufgaben sitzen, sollte man dies auf jeden Fall der Lehrerin bzw. dem Lehrer rückmelden. Dann kann man gemeinsam nach Ursachen forschen und evtl. auch individuelle Regelungen finden.

Hausaufgaben führen leider häufig auch zu Stress zwischen Eltern und Kindern. Das sollte nicht sein. Deshalb ist es wichtig und gut, bei Problemen immer zeitnah mit der Schule Kontakt aufzunehmen.


Aus den Augen einer Lehrkraft gesprochen: Wie planen eigentlich Lehrerinnen und Lehrer die Hausaufgaben ein?


Silke Weigelt: Jede Lehrkraft bespricht in der Regel zu Beginn des Schuljahrs am ersten Elternabend über die Hausaufgabenzeit im konkreten Schuljahr. Bei der Hausaufgabenvergabe ist von den Lehrkräften pädagogisches Geschick gefragt. Schließlich benötigt manch ein Kind derselben Klasse für eine Aufgabe vielleicht 10 Minuten, das andere jedoch doppelt so lang. Ich orientiere mich bei meinen Planungen etwa am Durchschnitt der Klasse. Schnelleren Kindern kann man ja auch Zusatzaufgaben anbieten. Und es kann an einem Tag mal mehr, an dem anderen mal weniger bzw. kürzere Hausaufgaben geben. 


Ist eine schlechte Note schlimm? Wann muss ich mir Gedanken machen?


Silke Weigelt: Eine schlechte Note wird oft als schlimm empfunden, sowohl vom Kind als auch von den Eltern. Dabei kann für den einen eine 3 schon eine schlechte Note sein, obwohl ich selbst in diesem Fall eher von Noten im negativeren Bereich, also 5 oder 6, ausgehe.


Bei einer schlechten Note sollte ich mir mit dem Kind zusammen folgende Gedanken machen: Wie ist es zu der Note gekommen? Hat das Kind regelmäßig am Unterricht teilgenommen? Hat es alle Hausaufgaben zuverlässig erledigt? Hat es sich sorgfältig auf die Arbeit vorbereitet? War dies die erste schlechte Note oder hält das Leistungsniveau über einen längeren Zeitraum an bzw. sinkt es kontinuierlich ab? Wie ist der Notenspiegel - ist die Arbeit vielleicht insgesamt schlecht ausgefallen?


Sollte es sich um einen Ausrutscher handeln, weil z.B. aufgrund Krankheit oder Zeitmangel die Vorbereitung schlecht war, dann würde ich mir erst einmal keine Gedanken machen und mein Kind motivieren, dass es beim nächsten Mal wieder besser wird. Wenn die schlechten Noten allerdings über einen längeren Zeitraum und trotz guter Vorbereitung bleiben, dann empfehle ich das Gespräch – je nach Alter eventuell auch zusammen mit dem Kind – mit der jeweiligen Lehrkraft zu suchen, gemeinsam nach den Ursachen zu suchen und Maßnahmen zur Verbesserung zu finden und zu ergreifen.


Wieviel Selbständigkeit kann ich von meinem Kind wann verlangen, wie viel Begleitung braucht es und wie kann diese Begleitung aussehen?


Silke Weigelt: Wie schon erwähnt, erlernt man Selbstständigkeit nicht dadurch, das man auf einmal alles alleine machen muss. Es bedarf gerade am Schulanfang einer liebevollen und intensiven Begleitung durch die Eltern. Schließlich ist die Einschulung ein einschneidendes Erlebnis im Leben eines Kindes. In dieser Zeit muss es sich auf eine Menge Neues einstellen und vieles gleichzeitig bewältigen, neue Herausforderungen, neue Aufgaben, neue Menschen um sich herum... Dies schafft ein schulreifes Kind, das den Schutz und die Unterstützung der Eltern spürt, auch, die meisten sogar problemlos. 


Wichtig ist, dass die Eltern Interesse am (Schul-)Alltag ihres Kindes zeigen, ohne dabei aufdringlich zu sein. Lockere und wohlmeinende Gespräche bei gemeinsamen Mahlzeiten in der Familie, bei Spaziergängen, im Auto oder vor dem Zubettgehen können da hilfreich sein. Dem eigenen Kind gut zuhören, ohne mit dem Kopf woanders oder z.B. am Handy oder beim Fernseher zu sein, ist für Eltern manchmal eine Herausforderung und nicht immer einfach. Aber dies halte ich für ganz wichtig.


Dann weiß ich auch, was mein Kind gerade beschäftigt, wie viel ich ihm zutrauen kann, ob und wann es meine Unterstützung benötigt. Selbstständigkeit erlangt ein Kind z.B. auch, wenn ich ihm im Familienleben kleine Aufgaben übertrage wie Tischdecken, gemeinsam die Spülmaschine ausräumen oder das Haustier füttern. Außer den Eltern können auch Großeltern und Freunde die Kinder begleiten und so zu einem stabilen sozialen Umfeld beitragen.

Woran erkenne ich Überforderung bei meinem Kind?


Silke Weigelt: In der Regel gehen Kinder - gerade in der Grundschulzeit - gerne zur Schule und haben Freude am Lernen. Überforderung macht sich zum Beispiel bemerkbar, wenn sich ein Kind plötzlich anders verhält. Es kann sich vielleicht nicht mehr so gut konzentrieren, fühlt sich müde, hat keinen Appetit und zeigt sich demotiviert. Da sollten Eltern anfangen, genauer hinzusehen.


Auch wenn die Leistung des Kindes absinkt und die Noten über einen längeren Zeitraum schlechter werden, kann dies ein Zeichen für Überforderung sein. Spätestens wenn sich zu psychischen Problemen auch körperliche Beschwerden, wie z.B. Kopf- oder Bauchschmerzen, dazugesellen, sollten Eltern neben dem Gespräch mit der Schule auch den Kinderarzt hinzuziehen und um Hilfe bitten. Manchmal sind auch Beratungsstellen eine gute Hilfe und wertvolle Anlaufstellen.


Sehr hilfreich ist es, für die Kinder einen Ausgleich zur Schule zu schaffen. Alle Mädchen und Jungen benötigen ausreichend freie Zeit zum Spielen, Bewegung, z.B. draußen an der frischen Luft, mit Freunden, ausreichend Schlaf und eine gesunde Ernährung, um die Anforderungen der Schule gut zu meistern.


Vorteil AXA Familienschule Fulda

„Starke Kinder brauchen glückliche und zufriedene Eltern für ein unbeschwertes Aufwachsen“, dafür steht die Familienschule Fulda eine Einrichtung der Deutschen Familienstiftung.

Die Familienschule Fulda ist ein Ort, wo Eltern Antworten auf ihre Fragen bekommen, Kontakte knüpfen und hilfreiche Kurse von Geburtsvorbereitung über Eltern-Kind-Gruppen bis hin zu Selbsthilfe-Gruppen finden können.

Neben den genau auf die Bedürfnisse von werdenden und jungen Eltern abgestimmten Kursangeboten erhalten die Eltern familien- und partnerschaftsstärkende Hilfen zu Themen wie Sicherheit und Klarheit im eigenen Vorgehen, Alltagsgestaltung, Selbstpflege, Stress- und Zeitmanagement sowie verlässliche Unterstützung und Beratung bei unterschiedlichsten Problemen. Hier geht es direkt zur Familienschule Fulda.


Wie sind Ihre eigenen Erfahrungen zu Schulstress bei Kindern?


Silke Weigelt: Als Lehrerin habe ich gerade zu den Kindern in meiner Klasse einen intensiven Kontakt. Ich sehe sie jeden Tag über einen längeren Zeitraum und deshalb fallen mir Veränderungen bei den Kindern schnell auf. Dann forsche ich nach und suche bei Bedarf das Gespräch zu den Eltern.


Mir persönlich ist es wichtig, dass die Kinder gerne in die Schule kommen, denn ich bin mir sicher, was man gerne macht, macht man meistens auch gut. Von daher ist es für mich eine Priorität, dass sich Kinder in meinem Unterricht wohlfühlen. Wenn ich es als Lehrerin schaffe, eine gute Beziehung zu meinem Schülerinnen und Schülern aufzubauen, dann können sie auch etwas von mir annehmen und lernen.


Ich habe selbst zwei schulpflichtige Kinder und habe auch schon persönlich erfahren, dass die Schule trotz liebevoller Begleitung auch leidvollen Stress auslösen kann. Da kann ich anderen Eltern und Kindern nur empfehlen, gemeinsam mit Eltern, Kindern und der Schule nach Lösungen zu suchen.


Sind Gymnasium und Abitur wirklich immer der Weisheit letzter Schluss? Für jedes Kind...?


Silke Weigelt: Manchmal hat man als Eltern auch zu hohe Erwartungen an seine Kinder. Da man weiß, wie wichtig eine gute Bildung ist, wird manchmal zu viel von den Kindern verlangt. Dabei muss es nicht immer gleich das Gymnasium sein, wenn diese Schulform für das Kind nicht geeignet ist.


Ich arbeite an einer Grund- und Hauptschule und weiß deshalb, dass auch mit einem guten Hauptschulabschluss noch genügend Möglichkeiten für eine qualifizierte Ausbildung bestehen. Unser Schulsystem ist nach oben offen, es gibt viele verschiedene Bildungswege – von der Lehre über die Meister- und Berufsschulen bis hin zu Fachabitur und Studiengängen – und ein höherer Abschluss ist immer noch möglich. Es gibt nicht nur diesen einen geraden Weg, sondern viele individuelle, bei denen die Kinder ganz nebenbei oft auch noch viel vielfältigere Erfahrungen machen und Fähigkeiten erlangen.


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