Serie Schlaganfall – Teil 2: Nicht zögern, 112 rufen!

Mit Checkliste zum Download

Minuten entscheiden im Akutfall über Leben und Zukunft. Durch die wachsende Zahl von spezialisierten Krankenhäusern hat sich die Versorgung von Schlaganfallpatienten enorm verbessert. Zuallererst ist aber immer das richtige Handeln von Betroffenen und Angehörigen gefragt. Im zweiten Teil unseres Expertengesprächs mit dem Neurologen Dr. med. Alexander Hemmersbach, leitender Chefarzt des Rehabilitationszentrums der Johanniter Ordenshäuser in Bad Oeynhausen, erfahren Sie, worauf es ankommt.



Ein plötzlicher Schwindel, Unwohlsein, es schwimmt ein wenig vor den Augen und das rechte Bein will nicht wie es soll. Was denken Sie? Das geht gleich wieder vorbei? Das kann so sein, aber auch ein fataler Irrtum. Schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen waren schon von einem Minischlaganfall, präziser von einer „transitorisch ischämischen Attacke“, kurz TIA, betroffen. Nur etwa die Hälfte von ihnen hat die Warnzeichen bemerkt. Die Schlaganfall-Symptome können nach Sekunden oder Minuten verschwinden. Sie können nie wieder kommen oder einen Schlaganfall ankündigen: 40 Prozent aller Hirninfarkte geht eine TIA voraus, sagt die Deutsche Schlaganfall Gesellschaft.




Gute Chancen, wenn alle richtig handeln

Seit Mitte der 1990er Jahre wurde in Deutschland viel getan, um die Versorgung von Schlaganfallpatienten zu verbessern, vor allem auch durch den Aufbau von Schlaganfall-Spezialstationen, sogenannten Stroke Units: „Die Chance zu überleben und keine Behinderungen davon zu tragen, erhöht sich um 25 Prozent.“(Deutsche Schlaganfall-Hilfe)

Der Neurologe Dr. med. Alexander Hemmersbach beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Attacken im Gehirn und ihren Folgen. In Teil 2 unserer Serie Schlaganfall erklärt er uns heute, was jeder für den Akutfall wissen sollte und wie man sich im Notfall richtig verhält.



Guten Tag Herr Dr. Hemmersbach. Was sind die Alarmsignale?

Dr. Alexander Hemmersbach: Die Anzeichen eines Schlaganfalls treten, wie es der Name schon sagt, „schlagartig“ auf. Plötzlich kommt es beispielsweise zu einseitigen Lähmungen, Kraftminderungen oder Taubheitsgefühlen meist in Arm oder Bein, aber auch in einer Gesichtshälfte, typisch ist der hängende Mundwinkel. Alarmsignale sind auch plötzlich auftretende Sprech- und Sprachstörungen, das reicht von undeutlichem Sprechen bis zu sinnlosen Aussagen und absoluten Aussetzern beim Artikulieren und Verstehen. Es können Gleichgewichtsstörungen und Schwindel, auch Bewusstseinstrübungen bis zur Bewusstlosigkeit auftreten. Ebenfalls können Sehstörungen mit Doppelbildern, Tunnelblick oder vorübergehender Blindheit auf einem Auge auf eine Durchblutungsstörung des Gehirns hinweisen.


Kopfschmerzen können zwar verschiedene Ursachen haben, wenn aber plötzlich rasende Kopfschmerzen in bisher nicht gekanntem Ausmaß auftreten (Vernichtungsschmerz), kann dies auch Ausdruck einer Hirnblutung sein. Und auch wenn nur ein einziges dieser Symptome auftritt, darf keine Minute verloren werden – dann gibt es keine Alternative zum Notruf 112! 


F A S T heißt auf Deutsch: Schnelltest bei Verdacht auf Schlaganfall

Den leicht merkbaren Kurztest kann jedermann durchführen. Er wurde in den USA entwickelt und gehört mittlerweile auch in Deutschland zum Basiswissen für richtiges Handeln im Akutfall.

F steht für Face = Gesicht. Bitten Sie die Person zu lächeln. Wenn das Gesicht dabei einseitig verzogen ist, deutet das auf eine Halbseitenlähmung hin.
A für Arms = Arme. Bitten Sie die Person, die Arme nach vorne zu strecken und dabei die Handflächen nach oben zu drehen. Bei einer Lähmung können nicht beide Arme gehoben werden.
S für Speech = Sprache. Lassen Sie die Person einen einfachen Satz nachsprechen. Ist sie dazu nicht in der Lage oder klingt die Stimme verwaschen, liegt vermutlich eine Sprachstörung vor.
T für Time = Zeit. Wählen Sie unverzüglich die 112 und schildern Sie die Symptome.

(Quelle: Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe)


Aber wenn die Symptome nach kurzer Zeit wieder verschwinden?

Dr. Alexander Hemmersbach: Der Notruf ist dennoch die einzig vernünftige Wahl. Auch das kurze Ereignis einer TIA ist genau genommen ein Schlaganfall, nur hat der Körper in diesem Fall das Gerinnsel selbst wieder aufgelöst. Die Symptome sind damit zwar verschwunden, aber die Ursache bleibt. In der Halsschlagader sitzen immer noch die Plaques, im Vorhof des Herzens liegt immer noch thrombotisches Material, beides kann sich jederzeit wieder in Bewegung setzen und dann ist der echte Schlaganfall da.



Wie kann man in den ersten Minuten helfen bis der Arzt eintrifft?

Dr. Alexander Hemmersbach: Neben den Erste-Hilfe-Maßnahmen (siehe Checkliste) für den Betroffenen selbst, ist alles wichtig, was die Ärzte unterstützt: Entscheidend ist es, schon beim Notruf den Verdacht auf einen Schlaganfall zu äußern, damit das passende Krankenhaus ausgewählt und informiert werden kann. Notarzt und Rettungsdienst brauchen alle Informationen über die Vorerkrankungen des Patienten, ganz hilfreich ist es, wenn die aktuellen Medikamente zusammengestellt sind.

Checkliste - Erste Hilfe Tipps bei Schlaganfall (PDF, 148 KB)

Was geschieht im Krankenhaus?

Dr. Alexander Hemmersbach: Die Ärzte nehmen einen Wettlauf mit der Zeit auf. Es gilt, so viel wie möglich an Hirnsubstanz zu retten. Mit jeder Sekunde kann der Schlaganfall fortschreiten und sich das betroffene Gehirnareal vergrößern. Entscheidend ist jetzt eine schnelle Basis-Diagnostik, um die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Die wichtigste Frage wird per Computertomographie oder Kernspin geklärt: Handelt es sich um eine Minderdurchblutung oder um eine Hirnblutung?

Bei der Durchblutungsstörung ist die Thrombolyse Goldstandard, das bedeutet die Auflösung des verstopfenden Blutgerinnsels durch Injektion blutverdünnender Mittel. „Door to Needle Time“ nennt man die Zeit, die von der Einlieferung bis zur Lyse vergeht - die Krankenhäuser versuchen alles, um diese Zeitspanne auf ein Minimum zu reduzieren. Vom Auftreten der ersten Symptome bis zur Thrombolyse sollten nicht mehr als etwa viereinhalb Stunden vergehen. Bei großen Thromben kann das Lysemittel womöglich erfolglos bleiben, dann wird man versuchen, den Thrombus mechanisch zu entfernen. Das ist allerdings nur in spezialisierten Einrichtungen mit Neuradiologie möglich. Die Zukunft sind hier Eingriffe mit dem sogenannten Stent-Retriever, einem speziellen Mikrokatheter, der mit einem entfaltbaren Gitter das Blutgerinnsel einfängt.


Bei einer Hirnblutung wird zunächst geklärt, um welche Art von Blutung es sich handelt. In vielen Fällen wird die Blutung konservativ behandelt – man senkt den Blutdruck und stabilisiert. Bei einer Subarachnoidalblutung, die oft durch eine Gefäßerweiterung (Aneurysma) entsteht, ist zumeist eine Intervention nötig. Die Blutung wird operativ mit einem Gefäßclip unterbunden oder heute auch mit einer faszinierenden minimal-invasiven Therapie behandelt: Ein Mikrokatheter wird von der Leiste bis ins Gehirn geführt, um das Aneurysma mit feinsten Platinspiralen aufzufüllen. Die Behandlungsmöglichkeiten haben große Fortschritte gemacht - die wichtigste Neuerung war sicher die Einrichtung der Stroke Units für eine optimale Akutversorgung.


Vorteil AXA Das PLUS für Kunden von AXA

Nicht alleine bleiben!

Sie sind in guter Begleitung mit dem gesundheitsservice360° und der Gesundheits-App von AXA.

Der gesundheitsservice360° ist ein innovatives kostenfreies Gesundheitsprogramm, das die private Krankenversicherung von AXA in allen wichtigen Bereichen ergänzt: Vorsorge, Orientierung, Versorgung und persönliche Betreuung formen eine rundum aktive Unterstützung. Bei neurologischen Erkrankungen profitieren Betroffene und Angehörige von einer umfassenden Begleitung bei Akut-Ereignissen, während der stationären Behandlung bis zur ambulanten Weiterbehandlung.

Wir unterstützen Sie durch,
  • intensive Betreuung
  • Unterstützung bei der Suche nach geeigneten Therapiekliniken
  • Abklärung der Kostenträger  (ggf. Einschaltung des Rentenversicherungsträgers)
  • Planung bzw. Vorbereitung der  Entlassung aus der Therapieklinik
  • Abstimmung der ambulanten Weiterbehandlung (Therapiemaßnahmen)
  • Unterstützung bei der Therapeutensuche  (z. B. Physiotherapeuten, Ergotherapeuten)
  • Abstimmung und Organisation von Hilfsmitteln
  • Mitarbeiter mit fachlichem und medizinischem Know-how
  • qualifizierte Ansprechpartner zu Fragen hinsichtlich gewünschter Therapiemöglichkeiten


Erklären Sie uns bitte, was eine Stroke Unit leistet?

Dr. Alexander Hemmersbach: Seite Mitte der 1990er Jahre wurden in Deutschland Schlaganfall-Spezialstationen aufgebaut. Inzwischen gibt es mehr als 250 von der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft und der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe zertifizierte Stationen. Stroke Units sind spezialisiert für die Akutversorgung von Schlaganfall-Patienten. Hier sind technisch und personell optimale Bedingungen für Diagnostik, Überwachung und Therapie gegeben.

Die lebensnotwendigen Funktionen der Betroffenen können so rund um die Uhr überwacht werden - ein erfahrenes Team von Fachärzten, Neurologen, Kardiologen, Neuro- und Gefäßchirurgen und Radiologen arbeitet dabei eng zusammen. Neben der Akut-Behandlung ist es wichtig, die Ursache abzuklären, um jetzt schon einem zweiten Schlaganfall entgegenzuarbeiten. Außerdem beginnt hier schon in den ersten Tagen die Rehabilitation. Nach drei bis fünf Tage verlassen die Patienten in der Regel die Stroke Unit und werden auf eine Normalstation oder in eine Rehabilitationseinrichtung überwiesen.

Vielen Dank Herr Dr. Hemmersbach für das interessante Gespräch. Zum Thema Rehabilitation erfahren wir dann mehr in Teil 3 unserer Serie und sind gespannt auf die Chancen, die sich in diesem Bereich mittlerweile auftuen.

Link-Tipp zu einem Notfall-Helfer
Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe bietet eine kostenfreie App mit allen wichtigen Notfall-Informationen an. Prominentes Gesicht der App ist der Profi-Boxer Axel Schulz, der vor Jahren selbst Betroffener war. Alle Informationen zum kostenlosen Download unter www.schlaganfall-hilfe.de/app
 
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