Wenn Kinder – wann Kinder? Die Folgen immer späterer Geburten

Interview mit Professor Dr. Ludwig Spätling

Die Zahl der Geburten sinkt und Frauen in Deutschland bekommen ihr erstes Kind immer später. Europaweit sind sie im Schnitt sogar die ältesten Mütter. In den alten Bundesländern lag das Durchschnittsalter, in dem Frauen ihr Erstgeborenes zur Welt bringen, im Jahr 2010 knapp über 29 Jahren. Und auch Ostdeutschland zieht nach: Hier ist das Alter der Erstgebärenden in den letzten 20 Jahren so stark gestiegen wie im Westen zwischen 1970 und 2010, und lag im selben Jahr bei knapp über 27 Jahren. Immer spätere und immer weniger Geburten – das bedeutet einige Risiken und große Herausforderungen für unsere Gesellschaft.

Im November 2013 fand im Stadtschloss Fulda ein Symposium zum Thema "Wenn Kinder - wann Kinder?“ statt. Veranstaltet von der Deutschen Familienstiftung (DFS) gemeinsam mit der „hessenstiftung: familie hat zukunft" und dem Frankfurter Zukunftsrat.

Zahlreiche namhafte Referenten stellten sich aus verschiedenen Blickwinkeln diesem von Politik und Öffentlichkeit wenig beachteten Thema und referierten über Hintergründe und Auswirkungen. Professor Dr. Ludwig Spätling, Direktor der Frauenklinik im Klinikum Fulda gAG a.D., Vorstandsmitglied der Deutschen Familienstiftung und einer der Initiatoren und Veranstalter des Symposiums, ist Spezialist auf diesem Gebiet. Als Frauenarzt und Vater von drei Kindern sind ihm die Probleme junger Familien aus dem eigenen Familienalltag und durch die tägliche Arbeit in Klinik und Stiftung sehr vertraut. Wir haben ihn zum Thema der späten Geburten und ihrer Folgen für Frauen, Männer, Familien und Gesellschaft befragt.





Herr Professor Spätling, wann ist allgemein der geeignete Zeitpunkt eine Familie zu gründen? Gibt es überhaupt einen optimalen Zeitpunkt?


Natürlich haben aus biologischer Sicht junge Paare die besten Voraussetzungen. Die fruchtbarste Zeit für die Frau ist zwischen 20 und 30 Jahren. Danach nimmt die Empfänglichkeit beim weiblichen Geschlecht stark ab. Auch mit medizinischer Hilfe kann bei 40-Jährigen nur ein Drittel der Kinder realisiert werden, im Vergleich zu Frauen im Alter von 30 Jahren. Männer haben da in der Regel wesentlich mehr Zeit, bei Frauen tickt die biologische Uhr einfach schneller und lauter. Aber selbst wenn man allen ausreichend reproduktionsmedizinische Hilfe zur Verfügung stellen würde, könnte man eine Steigerung der Geburtenrate nicht erreichen.

Unsere Gesellschaft gibt den jungen Menschen keine Sicherheit. Viele sind zum Beispiel lange auf ihre Eltern angewiesen. Es gibt da zudem den Begriff “verantwortete Elternschaft“. Eltern haben heute einen zu hohen Anspruch an sich - und der steigt mit dem Alter noch - und stehen sich damit beim „Kinderkriegen“ selbst im Wege. Ich kann nur aus meiner Erfahrung den Tipp geben: Es ist nicht wichtig, die besten Eltern zu sein. Keiner ist perfekt und Kinder wünschen sich auch keine perfekten Eltern. Viel besser für alle ist, ausreichend gute Eltern zu sein.



Woher kommt diese Tendenz, dass Frauen immer später oder auch gar keine Kinder bekommen. Sinkt der Kinderwunsch allgemein? Oder woran liegt es sonst?


Ja, der Kinderwunsch sinkt allgemein, zumindest der Wunsch nach mehreren Kindern. Das sieht man ja schon seit Jahren in den Statistiken: Das liegt häufig an der Lebenssituation. Die Frauen planen ihr Studium, sie wollen sich berufliche Qualifikationen erarbeiten und verzichten dafür auf vieles. Auch die wirtschaftliche Situation spielt eine große Rolle und die damit zusammenhängende Angst vor dem Armutsrisiko durch die Geburt eines Kindes. Viele haben heute keine stabilen Anstellungen mehr, das bedeutet fehlende Planungssicherheit. Schwangerschaft und junge Mütter sind ja für viele Betriebe ein regelrechtes Risiko, sie bedeuten eine hohe Ausfallsrate - und das bei dem sowieso schon bestehenden Facharbeitermangel. Da werden gerade Frauen im reproduktionsfähigen Alter diskriminiert. Und für die berufstätigen Frauen ist der spätere Wiedereinstieg in den Beruf häufig mit Schwierigkeiten und Ängsten belegt. Und dann ist da noch die Sorge der Frauen, irgendwann allein dazustehen und für das Kind verantwortlich zu sein. Die Scheidungsraten steigen, Partnerschaften sind nicht mehr so stabil wie früher. Und manchmal kommt auch einfach nie der „Richtige“.



Welche Rolle spielen die Männer?


Männer arbeiten heute ebenfalls oft in unsicheren Anstellungsverhältnissen. Sie befürchten auch häufig hohe persönliche Einschränkungen durch ein Kind. Das bedeutet, weniger Zeit für Hobbys und Freizeit... Außerdem sind Kinder teuer. Und es gibt immer noch Probleme bei der Elternzeit. Zudem sind natürlich auch die Männer betroffen von den instabilen Partnerschaften. Die Frauen sind wählerisch. Je älter sie werden, desto mehr Ansprüche haben sie. Häufig finden sie ihren Partner als Mann und Lebensgefährten wunderbar, können sich ihn aber nicht als Vater ihrer Kinder vorstellen, und so vergeht die Zeit.
Ich denke, der Mann heute muss - immer noch - seine Rolle neu finden. Das ist und wird nicht einfach. Dazu könnte ich noch viel, viel mehr sagen, aber das würde ganz bestimmt den Rahmen dieses Interviews sprengen. Doch wer mehr dazu erfahren möchte, kann das in einem Artikel von mir in der FAZ nachlesen: "Das Ende des Patriarchats."

Prof. Dr. Ludwig Spätling, (außerplanmäßiger Professor für Geburtshilfe und Frauenheilkunde an der Ruhr-Universität Bochum,) ist Direktor der Frauenklinik im Klinikum Fulda gAG a.D. und bildet mit Prof. Dr. Dr. h. c. L. Vaskovics, emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Bamberg, den Vorstand der Deutschen Familienstiftung (DFS). 1999 gründete er die Familienschule Fulda und ein Jahr später die DFS. Die Stiftung trägt nicht nur die Familienschule, sondern will als Institution für die vielfältigen Probleme junger Familien in unserer Gesellschaft ein Bewusstsein schaffen. „Viele junge Paare sind besonders zu Beginn ihrer Elternschaft überfordert. Oft scheitert die Paarbeziehung und ein Elternteil wird mit den Problemen der Versorgung und Erziehung allein gelassen“, erklärt Prof. Spätling. So entstand der Gedanke, den Eltern schon in der Phase der Familiengründung zu helfen und ihnen Wissen an die Hand zu geben, das ihnen dabei hilft, ihre Partnerschaften zu stabilisieren. Deshalb wurde die allgemeine Geburtsvorbereitung an der Schule auch durch eine Vorbereitung auf die Familie ergänzt.




„Wenn Kinder – Wann Kinder?“ Warum sollte sich die Gesellschaft mit diesem Thema beschäftigen? 


Die Frauen in Deutschland bekommen im Schnitt immer später Kinder - je höher der Bildungsstand, desto weiter rückt die Geburt des ersten Kindes in den Lebensjahren der Mutter nach hinten. In den Städten geht diese Entwicklung rasanter voran als auf dem Land. Damit einhergeht, dass so immer mehr Komplikationen während der Schwangerschaften entstehen, wie das mit dem Alter der Mutter steigende Risiko von Fehlgeburten oder einer genetischen Veränderung beim Embryo wie das Down-Syndrom. Es geht sogar so weit, dass manche dann überhaupt keine Kinder mehr bekommen oder bekommen können, auch mit vielen medizinischen Anstrengungen nicht. Viele Frauen leiden sehr und lange darunter, wenn klar wird, dass sie kinderlos bleiben.



Wird dem Thema in Deutschland genügend Beachtung geschenkt?


Eindeutig nein. Deshalb haben wir auch als Deutsche Familienstiftung im November 2013 ein Symposium zum Thema "Wenn Kinder - wann Kinder?“ veranstaltet - gemeinsam mit der „hessenstiftung: familie hat zukunft" und dem Frankfurter Zukunftsrat.

Die durchschnittliche sozioökonomische Situation der Menschen verursacht, dass immer weniger Kinder und diese immer später geboren werden. Aus Altersgründen können dann manche Frauen ihren Kinderwunsch gar nicht mehr realisieren. Dieses ist oft mit einem Leiden der Betroffenen verbunden. Aber auch mit allen zur Verfügung stehenden medizinischen Maßnahmen wird man nicht erreichen, dass signifikant mehr Kinder geboren werden. Nur die Verbesserung der Lebensumstände junger Paare kann zu mehr Kindern führen. Jede junge Frau, die Empfängnisverhütung betreibt, sollte zeitgleich über die Schwierigkeiten informiert werden, ihren Kinderwunsch als ältere Frau zu realisieren, damit sie ihre Entscheidungen auch wirklich informiert trifft.


 „Starke Kinder brauchen glückliche und zufriedene Eltern für ein unbeschwertes Aufwachsen“, dafür steht die Familienschule Fulda eine Einrichtung der Deutschen Familienstiftung.

Die Familienschule Fulda ist ein Ort, wo Eltern Antworten auf ihre Fragen bekommen, Kontakte knüpfen und hilfreiche Kurse von Geburtsvorbereitung über Eltern-Kind-Gruppen bis hin zu Selbsthilfe-Gruppen finden können.
Neben dem genau auf die Bedürfnisse von werdenden und "jungen" Eltern abgestimmten Kursangebot, können die Eltern Sicherheit und Klarheit im eigenen Vorgehen, sowie Familien- und partnerschaftsstärkende Anteile wie Alltagsgestaltung, Selbstpflege, Stress- und Zeitmanagement sowie verlässliche Unterstützung bei Problemen erhalten. Hier geht es direkt zur Familienschule Fulda.




Was sind die Folgen des Rückgangs und der immer späteren Geburten für Gesellschaft und Wirtschaft?


Dieses Thema ist schwer zu beantworten. Wir alle wissen, aus der bekannten „Alterspyramide“ ist ein Baum geworden. Bald müssen immer weniger Junge für viele alte Menschen sorgen. Das bringt erhebliche Probleme und Herausforderungen für die gesamte Gesellschaft und ihr(e) System(e) mit sich. Mit weniger Nachwuchs wird ein Land auch abhängig von der Zuwanderung von Spezialisten. Wir haben, wie gesagt, jetzt schon einen Facharbeitermangel in Deutschland. Und wirtschaftlich schwachen Ländern die von ihnen ausgebildeten Spezialisten abzuwerben, ist zudem ethisch bedenklich. Insgesamt kann man sagen, je schlechter die Bedingungen sind, Kinder zu bekommen, umso weniger Kinder werden geboren. Je älter die Frauen werden, bis sie gewillt sind, Kinder zu haben, desto weniger Kinder können sie zur Welt bringen.



Was tut die Politik wirklich, um den Rückgang zu stoppen? Oder was könnte sie tun? Gibt es da wirkungsvolle Ideen und Rezepte?


Vor dem geschichtlichen Hintergrund hat unser Land ein Problem mit bevormundenden Maßnahmen. Unsere Politik ist darauf ausgerichtet Wahlfreiheit zu ermöglichen. Natürlich gibt es keine Patentrezepte. Aber es wäre sinnvoll, heranwachsende Frauen schon in der Schule zu informieren, wie schwer es ist, als ältere Frau noch Kinder zu bekommen. Die Wahrnehmung wird durch einzelne erfolgreiche Schwangerschaften prominenter älterer Mütter verzerrt.

Aber Sie fragen nach wirkungsvollen Rezepten? Als Staat sollten wir alles tun, unseren jungen Bürgern Sicherheit und Planbarkeit zu geben. Den richtigen Zeitpunkt, Kinder zu bekommen, den gibt es ja eigentlich nie. Es sollte darüber nachgedacht werden, ob die berufliche Qualifikation immer erst vor der Entscheidung für ein Kind kommen muss. Mit unserem Denken, Kinder dürfen erst sein, wenn alles in trockenen Tüchern ist, kommen wir nicht mehr weiter.



Und was kann die Wirtschaft für eine Steigerung der Geburtenrate tun? Welche Anreize sollte sie schaffen?


Da unser Wirtschaftssystem von finanziellen Anreizen gesteuert wird, muss es sich für die Wirtschaft lohnen, kinderfreundlich zu sein. Erst wenn die Unternehmen selber einen Vorteil davon haben, dass sie die Voraussetzungen für die Familien verbessern, werden sie sie auch verbessern. Wenn Firmen z.B. einen steuerlichen Bonus für die Zahl der Kinder pro Mitarbeiter erhielten, würde eine flächendeckende Optimierungen in jedem Betrieb initiiert werden. Da bin ich mir sicher.

Große Unternehmen sind da heute schon weiter. Viele haben eingesehen, dass die Qualifikation, die eine gestandene Mutter mitbringt, im Management eine ideale Voraussetzung ist. Aber in kleinen Unternehmen sind Schwangerschaften manchmal noch kaum zu verkraften und können ihre gesamte Produktivität gefährden. Hier ist noch viel geistige Lösungsarbeit notwendig.



Was wünschen Sie sich persönlich in dieser Hinsicht für die Zukunft in Deutschland?


Ich frage mich oft, warum wir Menschen uns einen Staat gegeben haben. Sicherlich doch, um unser Leben und das Zusammensein in der Gemeinschaft zu erleichtern. Reine Gewinnmaximierung richtet sich aber gegen das auskömmliche Leben von vielen. Wenn wir stattdessen den Menschen in den Mittelpunkt unseres Handelns stellen, wird es den Menschen gut gehen. Wenn es uns Menschen gut geht, bekommen wir Kinder und unser Deutschland hat eine gute Zukunft.

Herr Professor Dr. Spätling, wir bedanken uns sehr für das offene Gespräch!
 
Weitere Informationen finden Sie bei der Deutschen Familienstiftung unter: 

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