Diabetes-Serie Teil 1: Volkskrankheit oder Chance auf einen neuen Lebensstil?

Diabetes ist nicht nur in Deutschland auf dem Vormarsch. Weltweit hat heute jeder zehnte Erwachsene Diabetes, das sind 347 Millionen Menschen! In den letzten 30 Jahren stieg die Zahl der Erwachsenen, die an Typ-2-Diabetes leiden, um mehr als das Doppelte. Diabetologe Professor Dr. Martin erklärt, wie wir das Risiko zur Chance wandeln können.





Die Fakten sprechen für sich


Deutschland liegt in Europa an der Spitze mit 12 Prozent der 20- bis 79-Jährigen, die von Diabetes betroffen sind, insgesamt 7,5 Millionen (Internationale Diabetes Föderation IDF). Die beiden wichtigsten Formen sind der Typ-1-Diabetes, an dem 5 bis 10 Prozent der Menschen mit Diabetes in Deutschland leiden, und der Typ-2-Diabetes, dem ca. 90 Prozent zuzuordnen sind (Diabetes Stiftung DDS). Diabetes Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung mit Insulinmangel, bei deren Entstehung der Lebensstil keine Rolle spielt. Diabetes Typ 2 mit verminderter Insulinwirkung entsteht durch Bewegungsmangel und Übergewicht. Jeder dritte Deutsche ist zu dick, 14 Millionen sind stark übergewichtig. Der Anteil übergewichtiger Kinder liegt bei der Einschulung bei zwölf Prozent, am Ende der Grundschulzeit bereits bei 18 Prozent und darüber. 50,9 Kilogramm Junkfood verzehren vier- bis sechsjährige Kinder laut DONALD-Studie pro Jahr, darunter alleine 23,3 kg zuckerhaltige Limonaden.

Etwa ein Drittel aller Bürger sind auf dem Weg zu Diabetes! (Deutsche Diabetes Stiftung)



„Eine Chance, den Lebensstil zu ändern“


Prof. Dr. Stephan Martin ist Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ) im Verbund der Katholischen Kliniken Düsseldorf und Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung „Motivation zur Lebensstiländerung“ (einer Tochterstiftung der Deutschen Diabetes-Stiftung). Professor Martin gilt als Kritiker einer zu frühen Insulintherapie und engagierter Verfechter einer aktiven Selbstbeteiligung am eigenen Gesundheitszustand: „Wir brauchen Aktienten statt Patienten!“, denn beteiligte Akteure haben bessere Chancen, gesund zu bleiben oder es möglichst schnell wieder zu werden.



Herr Professor Martin, ist es übertrieben, wenn man dem Diabetes heute das Gefahrenpotenzial einer Epidemie zuschreibt?


Prof. Martin: Keineswegs. In der Tat ist Diabetes bereits seit Jahren eine Volkskrankheit. In den 1960-er Jahren war weniger als ein Prozent der Bevölkerung betroffen, heute sind es neun bis zehn Prozent, in manchen Altersgruppen haben wir es mit bis zu einem Drittel Erkrankter zu tun. Dieser drastische Anstieg zeigt, dass Gene keine wesentliche Rolle spielen und weitere Auslösefaktoren beteiligt sein müssen. Diese sind Übergewicht und verminderte körperliche Aktivität. Somit handelt es sich beim überwiegenden Teil der Diabetesfälle um Diabetes Typ 2 als lebensstilbedingte Erkrankung mit fatalen Folgen.



Viele Betroffene merken lange nichts von ihrem Diabetes. Warum ist das so?


Prof. Martin: Wenn Diabetes wehtun würde, hätten wir nicht ein so großes Problem. Das Gefährliche ist, dass in frühen Phasen nicht die Lebensqualität eingeschränkt ist, so dass der Diabetes für viele Betroffene keinen Krankheitswert besitzt. Man muss aber ganz klar zwei Diabetesformen unterscheiden: den Typ-1- und Typ-2-Diabetes. Auch hier hat sich in den letzten Jahren in der Sichtweise einiges geändert. Während man früher vom „jugendlichen Diabetes“ sprach und glaubte, dass er nur bei Kindern und Jugendlichen auftritt, sprechen wir heute vom Typ-1-Diabetes und sagen: Wer schlank ist, hat am ehesten einen Typ 1-Diabetes, und der kann in jedem Lebensalter auftreten. Der Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung. Hier nimmt die Insulinproduktion ab, der Lebensstil spielt bei der Krankheitsentstehung keine Rolle. Diese Form des Diabetes tritt in der Regel mit Symptomen wie Durst, vermehrtem Wasserlassen und Gewichtsabnahme auf.
Dagegen wurde der Typ 2 früher als „Alters-Diabetes“ bezeichnet, heute erkranken bereits Jugendliche und junge Erwachsene. Durch Bewegungsmangel und Übergewicht nimmt die Insulinwirkung ab, und der Körper versucht dies durch eine vermehrte Insulinproduktion zu kompensieren. Wenn das nicht mehr gelingt, steigt der Blutzucker so langsam, dass man sich an die hohen Werte gewöhnt. Sie fühlen sich topfit und merken nichts von der schwindenden Insulinwirkung. Der Körper funktioniert quasi wie ein Unternehmen, das aufgrund eines Leistungsabfalls der Mitarbeiter immer neue Personen einstellt und schleichend ins Defizit rutscht.



Welcher Personenkreis sollte sich vorsorglich untersuchen lassen?


Prof. Martin: Bei einem Body Mass Index von mehr als 27 kg/m2 wird es gefährlich, mit einem BMI von unter 25 kg/m2 bei reichlich Bewegung kann man sich dagegen auf der relativ sicheren Seite fühlen. Übergewicht, Bluthochdruck und erhöhte Blutfette sind Risikofaktoren der stillen Katastrophe, zusammen mit Rauchen nennen wir sie ohne Übertreibung „das tödliche Quartett“. Ein erhöhtes Risiko besteht auch, wenn Diabetes in der Familie vorkommt. Entgegen der üblichen Einschätzung, dass der Typ-1-Diabetes vererblich ist, wissen wir heute, dass beim Typ-2-Diabetes – speziell wenn die Auslösefaktoren Übergewicht und Bewegungsarmut dazukommen – eine höhere Vererblichkeit vorliegt. Bei Frauen, die schon einen Schwangerschafts-Diabetes hatten, ist das Risiko deutlich erhöht. Und dann gibt es da noch eine interessante neue Studie für alle Couch-Potatoes: Es sieht tatsächlich ganz danach aus, als würden 2-4 Stunden Fernsehen täglich das Diabetes-Risiko signifikant erhöhen.



Wie wird Diabetes diagnostiziert?


Prof. Martin: Da es, wie gesagt, keine befindlichkeitsstörenden Symptome gibt, ist Diabetes häufig eine Zufallsdiagnose. Für die Diagnose gibt es drei unterschiedliche Kriterien: Zum einen wird die Diagnose Diabetes gestellt, wenn der Nüchtern-Blutzucker bei zwei unterschiedlichen Messungen bei mehr als 126 mg/dl liegt. Alternativ ist ein HbA1c-Wert (vereinfacht erklärt das Blutzuckergedächtnis über mehrere Wochen) über 6,5 Prozent ein Diagnosekriterium. Eine weitere Möglichkeit, den Diabetes zu diagnostizieren, ist der Blutzucker-Belastungstest: Wird zwei Stunden nach der Aufnahme von 75 g Glukose ein Wert von 200mg/dl oder mehr gemessen, liegt ebenfalls ein Diabetes vor.



Ist schon die Vorstufe eines Diabetes für den Körper gefährlich?


Prof. Martin: Personen mit einer Vorstufe des Typ-2-Diabetes haben bereits ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen. Die Vorstufe eines Diabetes ist aber vor allen Dingen eine Gelegenheit, Prävention zu betreiben. Wenn der Blutzuckerbelastungstest nach zwei Stunden zwischen 140 und 200 mg/dl liegt, darf man die Diagnose als Schuss vor den Bug betrachten, und damit als Chance, das Leben rechtzeitig zu verändern. Man muss bedenken, dass der Diabetes kein Kavaliersdelikt ist. Die Entwicklung eines Typ 2 ist hochgefährlich: Das Risiko für einen ersten Herzinfarkt ist hier ebenso hoch wie das Risiko für den Zweitinfarkt bei einer Person mit bereits stattgefundenem Herzinfarkt jedoch ohne Diabetes. Die gute Nachricht ist: Wer sich jetzt konsequent mehr Bewegung verschafft und sich, übrigens mit Genuss, gesünder und kalorienärmer ernährt, wird nach kurzer Zeit einen Gewinn von Lebensqualität erfahren und sichert sich gleichzeitig nicht nur gegen Diabetes, sondern gegen viele weitere Erkrankungen ab.



Lässt sich ein beginnender Diabetes wieder stoppen?


Prof. Martin: Ganz aktuelle Studien zeigen, dass Diabetes in den ersten Jahren medikamentenfrei durch Lebensstilumstellung sehr gut behandelbar ist, bei sehr konsequentem Verhalten sogar rückgängig zu machen. Dabei profitiert auch der allgemeine Gesundheitszustand. Ich meine es keineswegs zynisch, wenn ich sage: Es ist ein Glück, ein Diabetiker zu sein. Wenn Sie vor einer Mahlzeit Blutzucker messen und 90 Minuten danach, haben Sie ein unmittelbares Bio-Feedback, ob Sie gut im Sinne der Gesundheit gegessen haben. Diabetes ist tatsächlich eine Chance, den Lebensstil erfolgreich zu verändern.



Wie wird Diabetes behandelt?


Prof. Martin: Bei den medikamentösen Maßnahmen sind zwei unterschiedliche Ansätze vorhanden: Es gibt Medikamente, die den Insulinspiegel erhöhen und somit zu Unterzuckerung führen, und solche, die die Insulinwirkung verbessern. Ich setze mich dafür ein, dass der Typ-2-Diabetes möglichst medikamentenfrei behandelt wird. Wir haben heute viel über günstige Ernährung gelernt. Statt der überholten Gebote „fettarm und kohlenhydratreich“ wissen wir heute von wertvollen Fetten in Nüssen und kaltgepressten Ölen und haben gelernt, Kohlenhydrate zu hinterfragen. Kurze Zucker sind fatal. Stellen Sie sich bitte mal vor: 100 Gramm Gummibärchen entsprechen 28 Stück Würfelzucker! Jedes Gramm Zucker aktiviert die eigene Insulinproduktion und macht den Körper Insulin-unempfindlich. Eine Möglichkeit ist die mediterrane Kost, es gibt aber auch zahlreiche Ansätze, mit der Ernährung erfolgreich gegen Diabetes vorzugehen.

In jedem Fall ist es wichtig, sich einem Arzt anzuvertrauen, der Erfahrung mit der Behandlung hat. Hier noch eine kurze Übersicht über die wirklich wichtigen Untersuchungen:

  • 4 x pro Jahr: Bestimmung des HbA1c und Blutdruckkontrolle
  • 3 x pro Jahr: Untersuchung der Mikroalbuminausscheidung im Urin
  • 1 x pro Jahr: Bestimmung der Blutfette und Fußinspektion mit neurologischer Untersuchung (Vibrationsuntersuchung, Monofilament)
  • alle 2 Jahre: Belastungs EKG und Ultraschall der Halsgefäße und bei Bluthochdruck eine Langzeitblutdruckmessung


Prof. Dr. Martin, wir danken herzlich für die Informationen – und vor allem für die Motivationen!


Weitere interessante Informationen gibt die Stiftung „Motivation zur Lebensstil-Änderung“. Sie finden interessante Neuigkeiten, Empfehlungen, Methoden zum Ausprobieren, Wegweiser, Ratgeber und praktische Hilfe für den Alltag mit Diabetes direkt hier.

PLUS von AXA Das PLUS für Kunden von AXA

Sie möchten Ihren Diabetes in den Griff bekommen – AXA hilft Ihnen dabei.

Wer eine Diabeteserkrankung hat, weiß, was für einen Einschnitt in die Lebensqualität das bedeuten kann. Kunden von AXA können in diesem Fall ohne zusätzliche Kosten vom gesundheitsservice360° profitieren.

Unser Angebot an Sie ist eine exakt auf die Bedürfnisse von Diabetespatienten zugeschnittene und optimal abgestimmte Patientenbegleitung. Neben der optimalen medizinischen Versorgung durch ein deutschlandweites Ärzte- und Kliniknetzwerk bietet Ihnen die Patientenbegleitung eine große Bandbreite begleitender Maßnahmen zur Sicherung des Therapieerfolges:

- Persönlicher Ansprechpartner bei AXA, der bei allen Fragen zu Leistungsumfang und -abrechnung weiterhilft.
- Hilfestellungen, Tipps und Anregungen, den Alltag und die Erkrankung im Griff zu behalten.
- Vermeidung von Stoffwechselentgleisungen und Folgeerkrankungen durch optimale Koordination von Hausarzt, Facharzt und Klinik.
- Optimale Versorgung mit kostenlosen oder vergünstigten Hilfsmitteln (z. B. Blutzuckermessgerät).
- Regelmäßige Bereitstellung von Informationsmaterial zu Ihrer Erkrankung, so dass Sie immer auf dem aktuellsten Stand sind.

Weitere Informationen zur Patientenbegleitung finden Sie hier

Profitieren Sie von einem Netzwerk aus führenden Fachärzten

AXA kooperiert bundesweit mit hochqualifizierten Fachärzten, darunter auch Diabetologen, die mit speziell definierten Qualitätskriterien ausgewählt wurden. Als Diabeteserkrankter profitieren Sie bei unseren Partnerärzten von:

- Einer schnelleren Terminvergabe
- Schulungen durch speziell ausgebildetes Praxispersonal
- Unterstützung bei Maßnahmen zur Verbesserung Ihrer allgemeinen Gesundheit und Lebensqualität

Hier geht es direkt zur Ärztesuche im Partnernetzwerk.

Wertvolle Hinweise zu den Themen Krankheitswissen, Therapie und Leben mit Diabetes erhalten Sie auch online bei unserem Wegweiser Diabetes.

Viele weitere wichtige Informationen und Pflegetipps zu Diabetes haben wir darüber hinaus für Sie in der Pflegewelt von AXA zusammengestellt, informieren Sie sich gleich hier. 

Informieren Sie sich auch über die Vorteile der Privaten Krankenversicherung von AXA. Mehr zu den attraktiven Beiträgen, Bonuszahlungen, flexiblen Leistungen und der erstklassigen Vorsorge erfahren Sie hier.


Die Deutsche Diabetes-Stiftung bietet einen Diabetes Gesundheitscheck an. Mit nur 8 einfachen Fragen können Sie ein mögliches Risiko, in den nächsten 10 Jahren an Diabetes Typ 2 zu erkranken, vorhersehen. Nutzen Sie die Chance, machen Sie den Test (PDF, 308 KB).

Wie positiv das Leben weitergehen kann mit Diabetes, können Sie zusammen mit vielen praktischen Anregungen in Teil 2 unserer Serie im Gespräch mit dem Diabetologen Dr. Dirk Hochlenert demnächst lesen.



Rechtliche Hinweise
Die Artikelinhalte werden Ihnen von AXA als unverbindliche Serviceinformationen zur Verfügung gestellt. Diese Informationen erheben kein Recht auf Vollständigkeit oder Gültigkeit. Bitte beachten Sie dazu unsere Nutzungsbedingungen.