Kinder auf Achse – trügerische Sicherheit im Straßenverkehr

Vor zehn Jahren starben auf den Straßen der Schweiz und Deutschlands noch mehr als doppelt so viele Kinder wie heute. Dennoch machen die Statistiken in beiden Ländern deutlich, dass die Anstrengungen zur Senkung des Unfallrisikos von Kindern keinesfalls nachlassen dürfen. Dazu sollen auch die aktuellen Crashtests der AXA Gruppe und der DEKRA einen Beitrag leisten. Die Tests zeigen nicht nur die gravierenden Folgen von Unfällen, sie wollen alle Verkehrsteilnehmer auch noch mehr auf die Gefahren im Straßenverkehr sensibilisieren und damit ein verantwortungsbewussteres Verhalten fördern.

Auf den ersten Blick zeigen die Statistiken zu Kinderunfällen im Straßenverkehr für die Schweiz und Deutschland einen überaus positiven Trend. So zählte die Schweiz im Jahr 2006 auf ihren Straßen 16 Todesopfer unter 15 Jahren sowie 326 schwer und 1.605 leicht verletzte Kinder - zwei Jahre zuvor waren es noch 23 Todesopfer sowie 418 schwer und 1.710 leicht verletzte Kinder. Ähnlich sieht es in Deutschland aus: Hier waren 2006 insgesamt 136 Todesopfer im Alter unter 15 Jahren sowie 5.694 schwer und 28.704 leicht verletzte Kinder zu beklagen - zwei Jahre zuvor waren es noch 153 Todesopfer sowie 6.577 schwer und 30.555 leicht verletzte Kinder.

Allen erfreulichen Entwicklungen zum Trotz: Jedes Kind, das bei einem Verkehrsunfall verletzt wird oder ums Leben kommt, ist eines zu viel. Nicht vergessen werden darf außerdem, dass es insbesondere bei einem Unfall von einer leichten zu einer schweren Verletzung oftmals nur ein kleiner Schritt ist. Ein vordringliches Ziel muss es deshalb sein, die Zahl der jungen Unfallopfer weiter zu senken. Die Statistiken aus Ländern wie Irland oder Schweden zeigen, dass dies durchaus geht.

AXA Winterthur (Schweiz) und DEKRA sind sich dabei einer großen Verantwortung bewusst. Seit 1981 erarbeiten die beiden Unternehmen regelmäßig neue Studien zur Verkehrssicherheit und führen in diesem Zusammenhang auch Crashtests durch. Aktuelle Crashtests beschäftigen sich dabei mit Unfällen mit Kindern. "Damit tragen wir zum einen dem Umstand Rechnung, dass Kinder die schwächsten Verkehrsteilnehmer sind - ob auf dem Fahrrad, auf Inline-Skates oder auch im Auto", erklärt Anton Brunner, Leiter Unfallforschung der AXA Winterthur. "Zum anderen wollen wir mit den Crashtests allen erwachsenen Verkehrsteilnehmern deutlich machen, welch große Verantwortung sie im Straßenverkehr tragen und wie wichtig ein umsichtiges, rücksichtsvolles Verhalten ist", ergänzt Jörg Ahlgrimm, Leiter Unfallanalyse der DEKRA.


Kinder reagieren im Straßenverkehr anders als Erwachsene

Dass Kinder in so hohem Maße unfallgefährdet sind, hat unterschiedliche Gründe. Tatsache ist: Kinder erleben den Verkehr völlig anders als Erwachsene - entsprechend anders reagieren sie auch. Kinder haben ein engeres Blickfeld als Erwachsene, seitlich herankommende Fahrzeuge bemerken sie daher erst spät. Auch können Kinder nicht über parkende Autos hinwegsehen - sie sehen weniger und werden auch weniger gut gesehen. Ebenso unterscheidet sich ihre Wahrnehmung von Zeit, Geschwindigkeit und Entfernung - solche Bewegungszusammenhänge können sie erst ab acht bis zehn Jahren einschätzen.

Häufig kommt es zudem vor, dass Kinder ein Auto personifizieren. Sie sehen dann zum Beispiel die Scheinwerfer als Augen in einem Gesicht, der Kühler wird zum Mund. Fatale Folge: Das Kind nimmt an, dass das Auto es sieht und bremsen wird. Verschärft wird die Situation schließlich auch noch dadurch, dass Kinder beim Spielen oder beim Fahren mit dem Fahrrad die Welt um sich herum und vergessen den Straßenverkehr nur ungenügend beachten. Einem Ball, der auf die Straße rollt, springen sie auch dann nach, wenn ein Auto naht. Deshalb gehören das plötzliche Überqueren der Straße und das unerwartete Hervorrennen hinter geparkten Autos zu den häufigen Unfallursachen, bei denen Kinder im Straßenverkehr zu Opfern werden.

Als Autofahrer ist man dadurch umso mehr gefordert. Wie man auf der Autobahn damit rechnen muss, dass ein Fahrzeug plötzlich ausschert, muss man speziell in Wohngebieten immer darauf gefasst sein, dass plötzlich ein Kind auf die Straße rennt oder fährt. "Autofahrer müssen sich bewusst sein, dass selbst Tempo 30 in einer Wohnstraße zu schnell sein kann", sagt Anton Brunner.


Viele Kinder falsch gesichert

Bewusst haben sich die Unfallforscher der AXA Winterthur und der DEKRA bei einem ihrer Crashtests auch für eine Konstellation entschieden, die typisch für unverantwortliches Handeln eines Autofahrers ist. So zum Beispiel ein Crashtest, bei dem ein Cabrio mit einem zwischen den beiden Vordersitzen stehenden Kind frontal versetzt auf einen Kombi prallt. "Kein verantwortungsbewusster Mensch lässt sein Kind im dritten Stock eines Hauses am offenen Fenster spielen - zwischen den Vordersitzlehnen eines Autos kann dasselbe Kind aber ungesichert auch bei Autobahntempo herumturnen", spielt Brunner kritisch auf eine gar nicht so seltene Verkehrssituation an.

Auch wenn die Anschnallquote von Kindern in den letzten Jahren zugenommen hat, besteht hier noch großes Verbesserungspotenzial. "Denn für ungesicherte Kinder ist das Risiko, tödliche oder schwere Verletzungen zu erleiden, siebenmal höher als für Erwachsene", gibt Jörg Ahlgrimm zu bedenken. Verschiedene Studien belegen zudem, dass Kinder oft nicht optimal angegurtet werden. In der Schweiz und in Deutschland sind rund 60 Prozent aller Kinder im Kindersitz nicht richtig gesichert. "Dieser Anteil könnte durch stärkere Aufklärung über die richtige Anwendung der Kindersicherungssysteme erheblich reduziert werden", so Ahlgrimm.

Grundsätzlich muss der Kindersitz dem Gewicht, der Größe und dem Alter des Kindes entsprechen. Seit April 2008 sind dabei nur noch Kindersitze gemäß der ECE-Regelung 44-03 oder -04 zugelassen. Die richtige Montage ist ebenso von Bedeutung wie der einwandfreie Zustand des Sitzes. Viele Eltern vergessen beim Kauf, dass auch gebrauchte Kindersitze, die auf den ersten Blick einen guten Eindruck machen, Mängel aufweisen können.

Welch lebensrettende Bedeutung der Sicherheitsgurt hat, belegen nachhaltig übrigens auch schon frühere Crashtests der AXA Winterthur und der DEKRA. Danach bietet der Sicherheitsgurt bei Frontalkollisionen den größten Schutz. Bereits bei geringer Fahrgeschwindigkeit ist die Verletzungsgefahr für nicht angegurtete Insassen hoch: Die Aufprallenergie bei 50 Stundenkilometern ist vergleichbar mit einem Sturz aus dem vierten Stock eines Hauses. Die Gesetze der Physik gelten schließlich auch im Straßenverkehr. Danach vergrößert sich die Energie mit dem Quadrat der Geschwindigkeit: Ein Auto, das mit 60 km/h unterwegs ist, hat also vier Mal mehr Energie als ein Auto, das mit 30 km/h fährt. Auch bei Unfällen mit Überschlag mindert der Gurt die Verletzungsgefahr erheblich. Nicht gesicherte Insassen können aus dem Auto geschleudert werden und somit erhöht sich das Verletzungs- und Todesfallrisiko.

Gesichert werden muss auch die Ladung im Fahrzeug - insbesondere bei Kombis. Bereits bei geringer Geschwindigkeit und kurvenreicher Straße, geraten schlecht gesicherte Gegenstände im Fahrzeug in Bewegung. Schnell können sie bei einer Kollision zu tödlichen Geschossen werden. Mit einem Vielfachen des Eigengewichtes werden aus kleinen Teilen schwere Brocken. Schon bei einem Aufprall mit 50 Stundenkilometern setzt sich die "Ladung" mit bis zu 30-facher Erdbeschleunigung in Bewegung. So wird aus einer Getränkekiste plötzlich ein Ungetüm von fast 400 Kilogramm.

Diese Wucht können sich allerdings nur die wenigsten Menschen vorstellen. Deshalb unterschätzen sie auch regelmäßig die mit höheren Geschwindigkeiten verbundenen Gefahren. Der Beweis dafür sind Unfälle, bei denen Kinder oder mitgeführte Ladung nicht oder nicht richtig gesichert wurden - insbesondere auf Kurzstrecken. Die Verantwortung dafür tragen meist die Eltern beziehungsweise die Fahrzeugführer.


Auch Kinder auf dem Trailerbike müssen mit Gefahren rechnen

Großen Gefahren sind Kinder auch beim Fahrradfahren ausgesetzt. Umso wichtiger ist es, ihnen den Umgang mit dem Fahrrad unter möglichst sicheren Umständen näher zu bringen. In der Schweiz wie in Deutschland ist dafür das so genannte Trailerbike ein bei Eltern beliebtes Gefährt. Das Trailerbike sieht aus wie ein Fahrrad ohne Vorderrad, es kann wie ein Anhänger mit einer Kupplung am Rad eines Erwachsenen befestigt werden. Das Kind bleibt so in der Obhut des Lenkers, kann aber trotzdem aktiv die Pedale bedienen. Darüber hinaus lernen die Kinder auf diese Weise den Verkehr kennen, ohne auf sich alleine gestellt zu sein.

Während man das Trailerbike jedoch auf Fahrradwegen oder verkehrsarmen Straßen relativ sicher mitführen kann, wird das Gespann im Stadtverkehr oft als Hindernis betrachtet. Es wird von ungeduldigen Auto- oder Lastkraftwagenfahrern bedrängt und überholt, was zu gefährlichen Auffahr- oder Abbiegeunfällen führen kann.

Wird das Kind auf dem Fahrrad oder mit dem Trailerbike mitgenommen, hat umfassender Schutz oberste Priorität. Neben einem gut sitzenden Fahrradhelm empfiehlt es sich, dem Kind eine auffällige, kontrastreiche Kleidung anzuziehen und eine Fahne am Fahrrad zu befestigen. So wird es besser gesehen. "Die Eltern sollten darüber hinaus darauf achten, dass sich das Fahrrad in einem verkehrssicheren Zustand befindet", rät Jörg Ahlgrimm. Dazu gehören Lenker und Sattel in der richtigen Höhe, funktionierende Bremsen und Beleuchtung, Reflektoren und eine Klingel.

Abschließende Bemerkung zu Kindern auf dem elterlichen Fahrrad: Studien zeigen, dass es ungünstig ist, Kinder in Sitzen im Lenkerbereich zu transportieren. Grund: Das zusätzliche Gewicht an dieser Stelle erschwert das Manövrieren. Zudem läuft das Kind Gefahr, dass es bei einem Sturz unter dem Fahrer zu liegen kommt. Grundsätzlich gilt: Je weiter hinten die Kinder mitfahren, desto besser sind sie geschützt - ob Trailerbike, Fahrradanhänger oder Fahrradsitz.

Fazit: Wer Kinder im Straßenverkehr besser schützen will, muss vor allem darüber Bescheid wissen, wie sie den Verkehr erleben und wie sie auf ihn reagieren. Entscheidend kommt es darauf an, Kinder durch vorbildhaftes, rücksichtsvolles und umsichtiges Verhalten vor Unfallgefahren zu behüten. Ebenso wichtig ist es aber auch, Kinder im Rahmen der Erziehung mit den Gefahren des Straßenverkehrs vertraut zu machen. Nur wenn Kinder von klein auf lernen, Risiken zu vermeiden, entwickeln sie sich langfristig zu selbstständigen Verkehrsteilnehmern.