Mit sieben Sinnen sicher durchs Leben – Der Geruchs- und Geschmackssinn

Ihr Kind bevorzugt Süßes und isst am liebsten täglich das Gleiche? Wundern Sie sich nicht: Das ist zwar weder zeitgemäß noch ausgewogen – aber in der Steinzeit hätte ihr Kind so wunderbar überlebt.

Kinder müssen erst lernen, ihre sieben Sinne sicher zu gebrauchen. Sie verarbeiten äußere Reize und Einflüsse anders als Erwachsene. Das macht sich im Alltag und in Gefahrensituationen bemerkbar. In unserer Serie fassen wir wichtige Fakten zur Entwicklung der sieben Sinne bei Kindern zusammen.

 




Teil 3: Der Geruchs- und Geschmackssinn


Wenn die Zunge Arlam schlägt

Dass Menschen Süßes, Saures, Bitteres, Salziges und Umami – japanisch für herzhaft und vollmundig - unterscheiden können, sicherte ihnen in grauer Vorzeit das Überleben in der Wildnis. Forscher haben herausgefunden, dass die Geschmacksrezeptoren bereits in der Steinzeit genetisch so angelegt wurden, dass die Zunge des Menschen 10.000-mal empfindlicher auf Bitteres als auf Süßes reagiert. Damit bildete der Allesfresser Mensch schon sehr früh ein überlebenswichtiges sensorisches Warnsystem aus. Denn bittere und saure Geschmäcker signalisieren giftige Substanzen, unreifes Obst oder verdorbene Nahrung. Das Warnsystem funktioniert noch heute - oder welches Gesicht zieht Ihr Kind beim Verzehr einer Zitrone?

Die Warnfunktionen des Geschmackssinns machen sich übrigens auch die Hersteller von Haushaltschemikalien zu Nutze. Aus Sicherheitsgründen fügen sie ihren Produkten häufig starke Bitterstoffe hinzu, damit Kinder diese Mittel nicht schlucken. Darauf verlassen sollten sich Eltern allerdings nicht – noch immer sind Haushaltschemikalien in Deutschland die Hauptursache von Vergiftungen bei kleinen Kindern.


„Probier doch wenigstens mal!“

„Aber das schmeckt doch lecker!“ ist der Standardsatz am Küchentisch, wenn die Kinder angesichts der liebevoll gekochten Mahlzeit mal wieder die Nase rümpfen und nach Nudeln mit Tomatensoße verlangen. Aber in der Tat haben sie einen anderen Geschmack als Erwachsene: Kleinere Kinder ziehen instinktiv den süßlichen Geschmack vor, den sie von der Muttermilch kennen. Insgesamt nehmen Kinder Geschmäcker erst in viel höherer Konzentration wahr als Erwachsene. Eine europaweite Studie zum Essverhalten bei über 400 Kindern ergab, dass Dreijährige eine Zuckerlösung erst dann als süß empfinden, wenn sie 8,6 Gramm Zucker enthält. Diese Reizschwelle sinkt mit fortschreitendem Alter: 20-jährige Probanden schmeckten bereits rund zwei Gramm den Zucker heraus.
 
Forscher der University of Washington fanden außerdem heraus, dass der Heißhunger auf stark Gezuckertes damit zusammenhängt, wie sehr Kinder wachsen. Verlangsamt sich das Wachstum, sinkt auch das Verlangen nach Süßem. Offenbar versucht sich der Körper so aus der Evolution heraus die nötige Energie für das Wachstum zu sichern. Das erklärt auch, warum viele Erwachsene viele Schokoriegel und Bonbons als völlig überzuckert empfinden – sie müssen ja nicht mehr wachsen. 
 
Was in der Steinzeit überlebenswichtig war, führt bei unserem heutigen industriellen Nahrungsangebot und unserer heutigen Lebensweise natürlich zu Problemen. Es bleibt also Aufgabe der Eltern, das evolutionsbedingte Verlangen der Kinder nach Zuckerhaltigem in verträgliche Bahnen zu lenken. Die gute Nachricht ist: Geschmäcker ändern sich. Kinder lernen verschiedene Geschmacksrichtungen zu unterscheiden, erkennen Aromen wieder, vergleichen sie und bewerten sie neu. Kinder lernen zu mögen, was sie schon oft gegessen haben. Aus dem vorsichtigen Probierhäppchen am Anfang wird also mit Geduld irgendwann eine volle Portion.


Von guten und schlechten Düften

Ohne unsere Nase bliebe aber auch das leckerste Essen ziemlich fad. Denn Riechen und Schmecken sind sehr eng miteinander verknüpft. Wissenschaftler gehen davon aus, dass 90 Prozent des Geschmacks über den Geruch ermittelt werden. Aber auch bei unseren sozialen Beziehungen spielt er eine wichtige Rolle. Neugeborene orientieren sich zunächst nur mit ihrem Tast- und Geruchssinn. Zur mütterlichen Brust finden sie allein deshalb, weil sie die Milch riechen können. Fremde Gerüche irritieren sie. Und noch bei Erwachsenen spielt es eine Rolle, wie gut sie jemanden „riechen“ können.
 
Das Besondere am Geruchssinn: Er erreicht ohne Umweg seinen Platz im sogenannten lymbischen System im Gehirn. Das erklärt möglicherweise auch, warum Düfte so tief auf die Psyche einwirken können. Positiv oder negativ.  Die Verknüpfungen im Gehirn führen auch dazu, dass der Geruch eines Lebensmittels noch Jahre später zu Übelkeit führen kann, hat man sich einmal daran den Magen verdorben. Aber auch unter anderen Aspekten trägt der Geruchssinn zu unserer Sicherheit bei: Niesen, Luftanhalten, Würgen – all das sind wichtige Schutzreflexe, die ausgelöst durch Riechempfindungen verhindern, dass wir schädliche Stoffe aufnehmen. Der Evolution sei Dank.