Expatriates – Tipps für den Umgang mit kulturellen Unterschieden Teil 5

Entsendet ein Unternehmen Mitarbeiter ins Ausland, gibt es im Vorfeld vieles zu klären und zu organisieren. Das Unternehmen kümmert sich zumeist um Dinge, die unmittelbar mit der Arbeit des Expats in Zusammenhang stehen – zum Beispiel um die Aufenthaltsgenehmigung. Der Entsendete selbst hat auch einiges zu tun. Er muss sich mit seinem persönlichen Umfeld, Wohnung, Gesundheit und vielem mehr auseinandersetzen. Was hierbei nicht vergessen werden darf, haben wir schon im zweiten Teil dieser Serie  eingehend beleuchtet und in einer Checkliste für Sie zusammengefasst.



Ein sehr wichtiger Punkt, damit die Entsendung für Unternehmen und Mitarbeiter zu einem Erfolg wird, ist der Umgang mit kulturellen Unterschieden im Gastland. Eine gezielte Vorbereitung auf die andersartige Kultur und fremde Menschen kann maßgeblich dazu beitragen, dass der Auslandseinsatz gelingt – denn jede 2. Entsendung scheitert an interkulturellen Konflikten und mangelndem Verständnis für das Gastland.
 
In diesem Teil rund um Expatriates geht es um die Hintergründe von kulturellen Unterschieden – im nächsten Teil des Interviews gehen wir auf die Inhalte Interkultureller Trainings ein. 




Experten wissen Rat – durch langjährige Erfahrung

Nur wer sich lange Jahre in unterschiedlichen Ländern aufgehalten und eigene Erfahrungen mit kulturellen Unterschieden gemacht hat, kann anderen Wissen und Strategien weitergeben, die zu einem erfolgreichen Aufenthalt führen.
Einer dieser Profis ist unser Interviewpartner, Diplompädagoge Gerhard Hain. Er studierte in Regensburg und Rom Pädagogik, Psychologie und Soziologie, leitet europaweit Seminare, hält Vorträge und berät Weiterbildner und Unternehmen zu Grundlagen interkultureller Kompetenz. Herr Hain ist als Berater und Trainer im Bereich länderübergreifender Kommunikation und Business Development für internationale Firmen tätig. Als Gründer und Gesellschafter der ti communication GmbH in Regensburg und als Gesellschafter der ti communication Dr. Fischhof GmbH in Wien bietet er mit seinem Team weltweit interkulturelle Trainings an und berät die Teilnehmer mit Herz und Verstand.
 
Vielen Dank, Herr Hain, dass Sie uns heute Fragen zu kulturellen Unterschieden und zum Umgang mit Menschen in fremden Kulturen beantworten. Lassen Sie uns gleich mit der ersten – in Bezug auf das tägliche Miteinander im Arbeitsleben – wichtigen Frage beginnen:


Warum ist in unserer vernetzten Welt interkulturelle Kompetenz so wichtig?

Durch die zunehmende Globalisierung im Arbeitsmarkt treffen verschiedene Kulturen aufeinander – auch in der Kommunikation. Die Nutzung von Telefon oder E-Mail ist heute Alltag in der Zusammenarbeit – persönliche Treffen geraten häufig in den Hintergrund. Bei der Kommunikation über Telefon oder E-Mail ist es schwer, Signale und Gefühle des Gesprächspartners aufzunehmen und darauf einzugehen. Daher ist ein gewisses Grundwissen über die Eigenheiten in Bezug auf die Ansprache, Wortwahl etc. des anderen Kulturraums wichtig. Verfasst man zum Beispiel eine E-Mail an einen Geschäftspartner oder Mitarbeiter in Indien zu freundlich, wird sie wahrscheinlich als unwichtig abgetan.


Wieso reichen solide Sprachkenntnisse für eine gelungene Kommunikation im Alltag und für einen ordentlichen Umgang mit der Unternehmenskultur des Gastlandes nicht aus?

In den meisten Fällen ist bei einer Entsendung die gemeinsame Sprache Englisch. Dieses Englisch ist jedoch vom jeweiligen Kulturraum und von unterschiedlichen Hintergründen und Formulierungen geprägt. Oft steckt hinter einem Wort – oder einer Aussage – eine unterschwellige, in dem entsprechenden Kulturkreis verankerte Bedeutung, die dem Gegenüber nicht klar ist. Dies kann zu Missverständnissen führen – bis hin zu einer Verletzung der Werte. Das zeigt, dass Englisch nicht gleich Englisch ist, 1:1 Übersetzungen nicht immer funktionieren und das alleinige Beherrschen der Sprache – ohne die Kultur zu kennen – ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln kann.


Können Sie uns ein anschauliches Beispiel nennen, das zentrale Kulturunterschiede aufzeigt?

Der größte und grundlegende kulturelle Unterschied zwischen Deutschland und vielen anderen Ländern ist die Unterscheidung zwischen monochronen und polychronen Kulturen. Ganz einfach ausgedrückt bedeutet dies, dass in monochronen Kulturen – zu denen auch der deutsche Kulturkreis zählt – Abläufe genau festgelegt sind und Pünktlichkeit einen großen Stellenwert einnimmt. In polychronen Kulturen hingegen wird erledigt, was subjektiv gerade am wichtigsten ist. Daraus können sich Spannungen ergeben, weil eine gewisse Erwartungshaltung nicht erfüllt wird. Zu polychronen Kulturen zählen unter anderem Brasilien, China, Argentinien, Singapur, Spanien, Tschetschenien oder Russland.

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Lohnen sich die Seminare auch für europäische Länder oder ist ein Training nur bei exotischen Ländern notwendig?

Die kulturellen Unterschiede zwischen geographisch nahe liegenden Ländern werden häufig unterschätzt. Erfolgt eine Entsendung in ein fernes Land – zum Beispiel nach China, Japan oder den arabischen Kulturkreis – sind sich die meisten Personen darüber im Klaren, dass es größere kulturelle Unterschiede geben wird und dass sie sich darauf vorbereiten sollten. Befindet sich jedoch der neue Lebensraum nicht so fern der Heimat – zum Beispiel in den osteuropäischen Ländern – verfallen viele Expats in eine trügerische Sicherheit, da sie der Meinung sind, es gibt kaum Unterschiede. Die gibt es aber sehr wohl – und bei einer unzureichenden Vorbereitung können die zu Problemen führen. Deshalb gilt hier der Leitsatz: Je näher das Land, desto größer die Probleme! Ein kulturelles Training ist auch bei weniger weit entfernten Ländern Voraussetzung für eine erfolgreiche Entsendung.


Können Sie uns ein konkretes Problem bei einer Entsendung in ein Nachbarland schildern?

Wie schon in der vorangegangenen Antwort beschrieben, bedeutet die geographische Nähe nicht, dass es keine großen kulturellen Unterschiede gibt. Als Beispiel kann Frankreich dienen. Gerade im Ingenieurbereich – in dem viele Entsendungen erfolgen – gibt es große Unterschiede im Selbstbild. Deutsche Ingenieure sind eher „geradlinig“, direkt und praxisorientiert – französische Ingenieure sehen sich mehr als Manager und packen nicht unbedingt selbst mit an, das überlassen sie ihren Mitarbeitern. Zeigt ein deutscher Ingenieur also zu viel Praxis-Initiative, wertet ihn das in den Augen des Franzosen ab. Dies basiert zu einem großen Teil auf einem anderen Bildungssystem und anderen Vorstellungen von der Stellung in der Gesellschaft.


Reicht es nicht aus, sich grundlegende Kenntnisse über eine Kultur mit Hilfe eines Buches oder im Web anzueignen?

Hier muss ich mit einem klaren „Nein“ antworten. In Büchern oder im Web trifft man immer wieder auf dieselben Tipps, die teilweise unerheblich oder nicht mehr zeitgemäß sind. Diese allgemeinen Informationen – wie zum Beispiel die Übergabe einer Visitenkarte mit beiden Händen in Japan oder die Stäbchen nicht in das Essen zu stecken – können hilfreich sein, reichen jedoch bei weitem nicht aus. Interkulturelles Training geht viel tiefer und kratzt keineswegs nur an der Oberfläche der Kultur. Nicht nur der alltägliche Umgang mit den Menschen vor Ort sollte trainiert werden – wichtig ist, sich darum zu kümmern, wie man die Planung im Unternehmen in den Griff bekommt. Dazu zählen zum Beispiel die Mitarbeiterführung, die Erarbeitung einer Arbeits- und Unternehmensstruktur, die für beide Kulturkreise passt und gelebt werden kann, der Aufbau eines Beziehungsnetzwerks, die Formulierung von Verträgen und vieles mehr.


Wie wichtig ist die Kenntnis über den nicht sichtbaren Anteil einer Kultur – zum Beispiel Werte, Normen, Glaube etc.?

Kurz gesagt: sehr wichtig! Laut angesehenen Forschern im Feld der interkulturellen Psychologie und Soziologie ist Kultur ein Orientierungssystem, das sich ständig im Wandel befindet. Man kann sich nicht auf etwas Gelerntes verlassen, sondern muss sich ständig an neue Gegebenheiten in einem anderen Kulturkreis anpassen und sein Orientierungssystem überprüfen. Das bedeutet, dass gewisse Regeln nicht in allen Situationen gelten. Ein gutes Beispiel für Werte und Normen ist der Abstand bzw. die Körpernähe zwischen Personen in Japan. Menschen in diesem Kulturkreis berühren sich in der Öffentlichkeit nicht – aber die U-Bahnen sind vollgestopft mit Menschen, die zum Teil sogar mit dem Kopf auf der Schulter des Nachbarn schlafen? Das stellt eine Ausnahmesituation dar, die von den Menschen so gelernt und akzeptiert wird. Zurückhaltung in Bezug auf Normen, Werte und den Glauben ist vor allem in arabischen Ländern gefragt. Man sollte auch von gesellschaftlichen Vorurteilen Abstand nehmen – manche Dinge sind nicht immer so, wie sie hierzulande dargestellt werden. Als Beispiel dient eine gut ausgebildete Frau im Iran, die sehr wohl respektiert wird, obwohl wir uns das aufgrund unseres vermeintlichen Wissens über dieses Land nicht vorstellen können.


Inwieweit können die Produktivität und der Erfolg im Unternehmen des Gastlandes durch eine interkulturelle Schulung gesteigert werden?

Um einiges – denn wenn die Gegebenheiten des Gastlandes verstanden und die Unternehmenskultur dementsprechend gestaltet wird, können Projekte so geplant werden, dass sie ohne größere Reibungen funktionieren. Hierbei müssen die Stärken und Schwächen der einzelnen Mitarbeiter erkannt und diese dementsprechend eingesetzt werden. Zum Beispiel sollte die Leitung des Teams durch einen strukturierten Mitarbeiter erfolgen und die weiteren Aufgaben je nach Flexibilität der einzelnen Mitarbeiter aufgeteilt werden. Das stellt weitestgehend sicher, dass die Prozesse in geregelten Bahnen laufen und die Mitarbeiter sich wohlfühlen.


Familiäre Gründe sind häufig eine Ursache für den Abbruch des Aufenthalts. Sollten die mitreisenden Familienmitglieder daher auch geschult werden?

Auf jeden Fall – denn auch die Angehörigen müssen sich im Gastland integrieren und über die Sitten und Gebräuche informiert werden. Vor allem bei Kindern ist es wichtig, sie für das neue Land zu interessieren, damit ihnen die Trennung vom gewohnten Umfeld und von Freunden nicht so schwer fällt.


Wieso ist eine Unterstützung bezüglich der Arbeits- und Unternehmenskultur nicht nur bei der Integration im Gastland, sondern auch bei der Reintegration im Heimatland ratsam?

Auch bei der Rückkehr gilt es, einiges neu zu lernen. Durch den längeren Aufenthalt in einem anderen Kulturkreis hat man sich teilweise an den Lebensstil dort angepasst und ebenso persönlich weiterentwickelt. Aber auch das Unternehmen, in das man danach zurückkehrt, hat sich weiterentwickelt – gewisse Abläufe oder sogar die gesamte Firmenkultur hat sich verändert. Man muss sich daher wieder neu einfinden und oft sogar auf einen neuen Arbeitsplatz und auf neue Anforderungen einstellen. 

Vielen Dank, Herr Hain, für dieses spannende Gespräch über die Hintergründe von kulturellen Unterschieden und den daraus entstehenden Problemen! Wir freuen uns schon darauf, im zweiten Teil dieses Artikels mehr von Ihnen über die Praxis von kulturellen Trainings zu erfahren!

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